ESC 2018: Ungarn!

Tja. Das also war, nach übereinstimmender Meinung aller Beobachter und Journalisten, das Problem des Eurovision Song Contest 2018: die extrem ungleichen Semifinalshows. Während fast alle Favoriten sich im ersten Semi drängten und somit zwangsweise Songs ausschieden, die einen zweiten Auftritt am Samstag mehr als nur redlich verdient hätten, spülte das zweite Semi den Unrat an die portugiesische Küste, der seit Monaten auf den hinteren Plätzen der Wettbüros vergammelt. Vieles von dem, was da heute ohne eigenes Zutun ins Finale durchgewunken wurde, will man eigentlich kein zweites Mal hören.

Natürlich gibt es Ausnahmen: Ganz besonders freut mich, daß die stagedivenden Ungarn ihr Ticket bekommen haben. Yesss! Auch die Niederländer haben meinen Segen, obwohl ich deren Tanzperformance so absolut nicht verstehe.

Einen letzten Favoriten hätte ich gehabt, ders aber leider nicht geschafft hat: Georgien. Der berührende Chor wurde wohl von der Kraft des Balkanvotings geschlagen: Warum ausgerechnet das Gewimmer aus Serbien und Slowenien weiter durfte, wird für immer ein Rätsel bleiben. (Ich mein: Wenn schon Balkan, dann wenigstens Montenegro. Das hatte die melancholische Stimmung der Joksimović-Ära.)

Ansonsten gibts wenig zu sagen, ein Song war so schlecht wie der andere, es war im Endeffekt schon egal, wer ins Finale kam. Dänemark profitierte wohl davon, daß nach drei durchgehend verstörenden Songs erstmals wieder eine Melodie erkennbar war - wenn auch eine sehr einfache. Die Bierzeltauftritte sind gesichert. Moldau hatte heuer den Billigklamauk, mit dem andere alle zwei Jahre scheitern. In diesem Semi erschien er auch mir wie Gold. Australien und die Ukraine sind eh OK, irgendwie, aber halt mehr irgendwie als OK. Und der pummelige Stricher vom schwedischen Provinzbahnhof darf sich wahrscheinlich bei den heute stimmberechtigten Dänen und Norwegern bedanken. Mit seinem Song hatte der Finaleinzug eher wenig zu tun. (Obwohl, was wär die Alternative gewesen? San Marino? Malta?)

Für den schönsten Moment des Abends sorgte die Russin Julia Samoylova. Wir erinnern uns: Die Russen wollten 2017 in der Ukraine nicht teilnehmen und hatten auf ihrem Rücken (OK, das war jetzt geschmacklos) eine Intrige ausgeheckt, die die Teilnahme verhinderte und den schwarzen Peter der Ukraine zuschob. So weit, so übel. Nach dem Motto „Wir lassen uns nicht unterkriegen!“ wurde Samoylova heuer ein zweites Mal im Rollstuhl auf die Bühne geschoben. Blöd: Aufgrund ihrer Erkrankung kann sie nicht singen, ja, kaum den Kopf gerade halten. Das ist sicherlich mehr Anlaß zu Mitgefühl denn zu Häme, allein: Man muß in so einem Zustand nicht unbedingt am Song Contest teilnehmen. Es geschah also Folgendes: Ein dreiköpfiger Chor sang das Lied, Julia bewegte hauchend die Lippen, die Kamera blieb die meiste Zeit auf ein tanzendes Paar gerichtet … und just als Frau Samoylova wieder ganz groß ins Bild kam, verpaßte sie ihren Einsatz und hielt den Mund geschlossen. Was umso mehr auffiel, als der Chor munter weitersang. Nein, Herr Putin, alles, was recht ist … so geht das nicht. Russland ist draußen, und das ist gut so. (Ich erinnere mich lebhaft an den Kommentar der russischen Delegation zu Corinna Mays Auftritt 2002: Wir haben in Russland auch Behinderte, aber wir schicken sie ins Pflegeheim, nicht auf die Bühne. Karma’s a bitch.)

4 Replies to “ESC 2018: Ungarn!”

  1. Ossihase… … so sehr ich deine Anbiederung an die “Metalcommunity” auch schätze – aber “Stagediven” tun die Ungarn aber nun wirklich nicht! Das Wackeln mit dem Kopf und das Schütteln der Haare nennt man “Headbangen”. Stagediven ist das Springen von der Bühne in das Publikum welches dann – im Idealfall – den Springer auf Händen durch den Raum, Saal, etc… trägt. (Nicht so wie HIER: https://youtu.be/xD-J__z88gQ?t=9)

    Alles klar? Und fürs nächste Mal gilt: Sei gscheit – frag Daniel 🙂

    1. @nasgrath: Es macht einfach Spaß

      Und ich geh ja davon aus, daß Du die Sache absichtlich so eingefädelt hast. Ich kenn ja Deinen vertrackten Humor. 🙂

      Ad Anbiederung an die Metalcommunity: Nein, ich wechsel ganz sicher nicht in die metallverarbeitende Industrie und entwerfe Pommesgabeln. Aber ich muß ehrlich zugeben: Ich wipp schon gern mal mit den Füßchen zu einem flotten Schlager. Und ich schätze es, wenn man bei einem Lied eine Struktur erkennt, so etwas Einfaches wie eine Strophe und einen Refrain. (Letzterer vorzugsweise mit Melodie.) Im elendiglichen zweiten Semifinale waren diese Qualitäten rar. Die Ungarn hatten sie. Wie sie dann um 2:40 rum noch die klassische ESC-Rückung aus dem musikalischen Trickkoffer geholt haben so wie die Ohlsen Brothers bei „Fly On The Wings of Love“, wars um mein Herz geschehen. Du bist Musik! Musik, Musik … Bist meine Harmonie, Melodie, bist meine Symphonie …

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