Die Gier nach islamistischen Anschlägen

Rechtspopulistische Parteien wie FPÖ oder AfD sind mangels eigener Inhalte darauf angewiesen, in der Bevölkerung künstlich Unsicherheit zu erzeugen, um sich dann als Retter vor einer (gar nicht vorhandenen) Gefahr aufspielen zu können.

Das wissen wir eigentlich alle und das zeigt sich auch im von fast sexueller Ekstase begleiteten Triumphgeheul, das unsere „patriotischen“ Freunde nach jeder Vergewaltigung durch einen Ausländer, nach jedem sogenannten „islamistischen Terroranschlag“ ausstoßen. In Wahrheit gieren sie nach solchen Verbrechen und können gar nicht genug davon bekommen. (Tatsächlich würde es mich nicht wundern, wenn in den mit Moskau unterzeichneten Geheimpapieren freundliche Unterstützung durch den russischen Geheimdienst auch in dieser Sache zugesagt worden wäre. Putins Ziel einer politischen Destabilisierung Europas läßt sich eben nicht ausschließlich durch sachliche Diskussionen über den notwendigen Stop der Umverteilung von Reichtum in unseren Gesellschaften erreichen.)

Natürlich streitet der durchschnittliche Rechte solche Gedanken ab, wenn er darauf angesprochen wird. Man weiß ja: Damit würde man sogar im eigenen Wählerpool Unterstützung verlieren, obwohl diese Leute ansonsten wirklich fernab aller zivilisierten Moralvorstellungen sind.

AfD-Politiker Arvid Immo Samtleben ist eben kein durchschnittlicher Rechter. Offenbar setzt er nach dem AfD-internen Konflikt mit Frauke Petry keine großen Hoffnungen mehr in seine eigene politische Zukunft. Er nimmt sich also kein Blatt mehr vor den Mund. So berichten mehrere Zeitungen übereinstimmend von folgendem Facebook-Zitat des freundlichen jungen Mannes, der das sogenannte deutsche Volk in eine bessere Zukunft führen möchte:

Helfen würden bei den sinkenden Umfragen [der AfD, Anm.] ein par [sic!] islamistische Anschläge in Deutschland direkt vor der BTW [Bundestagswahl im Sept. 2017, Anm.]

Sollte es tatsächlich knallen, wird man sich hoffentlich an den Jungpolitiker erinnern, der seine Gesinnungsgemeinschaft via Facebook quasi dazu aufgefordert hat.

Tja. Mehr muß man dazu nicht sagen. Fehlt nur mehr der rechtspopulistische Politiker, der sich zwecks Stimmenmaximierung mehr Vergewaltigungen an Kindern wünscht und den Aufruf dazu über den Segen der Menschheit, Facebook, als „One rape, one vote!“-Kampagne startet.

Fischerl fangen

Daß ich dieses Wochenende nach Linz fahre, war schon länger klar. Das schöne Wetter dazu war ungeplant, ist aber höchst willkommen.

Der Hund und ich bevölkern die Terrasse und genießen den Blick aufs Biotop, wo die Fischerln mittlerweile fast schon Hundegröße erreicht haben. Wobei: Ich glaub, daß wir Unterschiedliches im Sinn haben, wenn wir aufs Wasser starren. Bei mir ist das mehr so eine kontemplative Sache. Der Hund hingegen scheint die Fische als Ersatz für Kaffee und Kuchen für sich in Anspruch nehmen zu wollen. Mehr als einmal schon hab ich unser Kuscheltier mit ausgestreckter Pfote am Rand des Beckens erwischt. Pfui!

Nationalpark Hietzing

Es ist unterhaltsam wie kaum etwas. Der Plachutta im 13. Bezirk hat den Namen „Nationalpark Hietzing“ (© Minirat) redlich verdient. Da wimmelts nur so von altem Wiener Burberry-Adel, der seit Generationen nur auf die andere Seite der Hietzinger Hauptstraße und wieder zurück heiratet. Vor allem bei den degenerierten Jungschnösels verspürt man das dringende Bedürfnis, ihnen gleich beim Betreten des Lokals links und rechts fest eine reinzuhauen. Quasi auf Vorrat - irgendwie werden sie’s schon ehrlich erarbeiten im Laufe des Abends. 😉

Wie in solchen Parks üblich wird gebeten, vom Füttern der einheimischen Fauna abzusehen. Dafür scharwänzelt geschultes Fachpersonal durch die Anlage und hält auch die vielen schon arg verhutzelten Exemplare mit Spezialkost am Leben. (Ich schwöre, ich habe dort heute meine Kindergartentante gesehen. Zumindest ihre Frisur.)

Dem Treiben zuzusehen ist den Besuch dort jedes Mal wert. Heute wieder: Die Frau mit viel Orange und ohne Hals. Was die für Blicke werfen konnte! Ihr Mann verflucht sicher auch den Tag, an dem er in Pension geschickt wurde. (Ooohh Richard!)

Abseits des Unterhaltungsprogramms: Essen und Service wunderbar. Man scharwänzelt eben auch um uns herum. 😉

Und der nächste Wechsel

Na, jetzt gehts aber Schlag auf Schlag. Nachdem sich die ÖVP wieder einmal selbst in die Luft gesprengt und sich dem seit Jahren intrigierenden Ehrgeizling Kurz ausgeliefert hat, kommen jetzt auch die Grünen in die Zwangslage eines ungeplanten Wechsels an der Spitze.

Was man davon halten soll, ist noch nicht so ganz klar. Einerseits war Glawischnig-Piesczek niemals eine Sympathieträgerin. In mir hat sie eine geradezu körperliche Abwehrreaktion ausgelöst. Andererseits, und das ist paradox, war sie es, die der Partei die erfolgreichsten Jahre seit ihrem Bestehen beschert hat. Wahlergebnisse auf Bundes- und Europaebene, von denen andere grüne Parteien außerhalb Österreichs nur träumen können; erfolgreiche Regierungsbeteiligungen auf Landesebene; … so sehr Glawischnig-Piesczek auch innerparteilich und in den Medien kritisiert wurde, der Erfolg scheint ihr (rückblickend) Recht zu geben.

Aber: Was kommt jetzt? Und: Sind Lunacek und Felipe die richtigen Personen dafür?

Lunacek und Felipe sind mir eigentlich wurscht. Ja, mit einem Pilz oder einem Dönmez hätt ich mich wohl noch wohler gefühlt, aber darauf kommts nicht an. Gesichter und Spitzenkandidaten sind, wie wir gerade lernen, sehr schnell austauschbar. Und Lunacek ist nicht die schlechteste Wahl als „das Gesicht“ zur Nationalratswahl: Sie hat sich, nach einem ordentlich verpatzten Start im Konflikt rund um die EU-Kandidatur 2009, Respekt und Sympathie erarbeitet. Vielleicht ist sie nicht so unverbindlich-mehrheitsfähig wie Glawischnig-Piesczek, vielleicht ist sie kantiger. Aber genau darauf wirds ankommen:

Was an der Politik der Grünen in den letzten Jahren zunehmend schwer zu rechtfertigen war, war der Drang zur politischen Mitte, die Aufgabe definitiv nicht mehrheitsfähiger (dafür umso richtigerer) Positionen zugunsten einer koalitionstauglichen Beliebigkeit, die sich teilweise an die SPÖ, vor allem aber an die ÖVP angebiedert hat. Mit vollem Recht wurden die vergangenen Wahlkämpfe in den Medien als „Wohlfühlkampagnen“ kritisiert. Nur nicht anecken, nur nicht Stellung beziehen, nur niemanden verschrecken. Das kann eine Zeit funktionieren: Stammwähler kennen das Parteiprogramm und lassen sich von unglücklichen Plakatsujets nicht irritieren, die dafür andererseits wieder experimentierfreudige Konservative anlocken.

Auf lange Zeit gesehen jedoch ist die Strategie zum Scheitern verurteilt: Das Wohlfühlimage der Plakate durchdringt auch die tatsächliche Politik. Auch wo die Grünen an der Macht sind, ist kaum noch die linke Handschrift zu spüren, die die Stammwählerschaft erwarten und das Parteiprogramm diktieren würde. Und nicht immer liegt das nur an den Zwängen der Koalition. Nach dem kurzfristig erkauften Höhenflug kann es meines Erachtens nur bergab gehen. Die Frage ist: Bergab in die völlige Bedeutungs- und Orientierungslosigkeit? Oder bergab auf ein stabiles Niveau mit einer glaubwürdigen Politik ehrlicher linker Werte?

Ob nun also Lunacek im Juni als Spitzenkandidatin bestätigt wird oder nicht, scheint mir nebensächlich zu sein. Viel wichtiger ist es, daß die Partei ihre Richtung korrigiert. Es darf nicht mehr passieren, daß die eigenen Internetauftritte beherrscht werden von Wellness im Park und Urban Gardening in Währing. Die zentralen Themen müssen sein: Vermögenssteuer, Wertschöpfungsabgabe, Bildung, Klimaschutz, Wohnkosten, Energiewende, Arbeitnehmerrechte, internationale Solidarität … kurz: Es muß endlich prononciert linke Politik gemacht werden. ÖVP und Grüne müssen wieder unterscheidbar werden.

Wenn Glawischnig-Piesczek als Teil der bürgerlichen Seitenblicke-Gesellschaft beschimpft wurde, war das nicht in erster Linie Kritik am oberflächlichen Narzissmus und Hedonismus, den das TV-Format propagiert. Es war vor allem auch Kritik daran, daß sie als Repräsentantin einer Partei, die eigentlich links sein sollte, sich selbst vor den Kameras als priviligierte Upper-Class-Lady zumindest inszenierte. Das mußte bei jenen als Verrat gesehen werden, auf deren Kosten die Upper Class lebt, von denen die Upper Class stiehlt - und für die Politik zu machen das Kerngeschaft der Grünen ist (oder einmal war). Da spielt es auch keine Rolle mehr, ob Glawischnig-Piesczek die Auftritte nur inszeniert hat.

Lunacek, Felipe, wer auch immer bis zur Wahl das Sagen hat: Es gilt, die Text-Bild-Schere zu schließen und endlich wieder das zu machen, was die Grünen im Kern einmal ausgemacht hat. Glaubwürdige linke Politik nämlich.

Hey, ich bins!

Hey, ich bins, dein Uber-Fahrer. Wo bist denn du? Ich seh dich nicht, sagt der Uber-Fahrer Igor am Telefon. Ich steh auch wirklich ein bißchen versteckt.

Kaum bin ich eingestiegen dann: Wenn Sie möchten, können Sie gern das Fenster zumachen. Ich schalt dann die Klimaanlage für Sie ein.

Für diesen Wechsel vom Du zum Sie gibts einen Punkteabzug. Igor! Wie konntest Du! *LOL*

ESC 2017: Die Charterfolge

Der Song Contest ist vorüber, die Komponisten der Songs müssen sich dem Ernst des Lebens stellen: den Verkaufscharts.

Wie schon in den vergangenen Jahren sind die Top 100 der europäischen iTunes Download Charts ein Familientreffen der ESC-Teilnehmer. Wir finden da:

Platz Land Interpret
Song
2 Portugal Salvador Sobral
„Amar Pelos Dois“
5 Belgien Blanche
„City Lights“
8 Moldau Sunstroke Project
„Hey Mamma“
14 Bulgarien Kristian Kostov
„Beautiful Mess“
17 Italien Francesco Gabbani
„Occidentali’s Karma“
20 Schweden Robin Bengtsson
„I Can’t Go On“
27 Rumänien Ilinca ft. Alex Florea
„Yodel It!“
31 Norwegen JOWST
„Grab The Moment“
33 Ungarn Joci Pápai
„Origo“
42 Niederlande OG3NE
„Lights And Shadows“
48 Frankreich Alma
„Requiem“
52 Vereinigtes Königreich Lucie Jones
„Never Give Up On You“
55 Australien Isaiah
„Don’t Come Easy“
61 Österreich Nathan Trent
„Running On Air“
62 Kroatien Jacques Houdek
„My Friend“
69 Zypern Hovig
„Gravity“
100 Aserbaidschan Dihaj
„Skeletons“

Das entspricht in groben Zügen der tatsächlichen Reihung beim ESC. Wenn ich den Überblick nicht verloren habe ist lediglich Australien etwas weiter nach hinten gerutscht, Österreich und das Vereinigte Königreich ein Stück weiter nach vor. Alle anderen Ländern sind in der Reihenfolge ±2 Plätze dort, wo sie auch bei Contest selbst waren. (Was übrigens für den Abstimmungsmodus spricht.)

Einzige Ausnahme: Zypern. Hovig befreit sich mit seinem „Gravity“ aus dem Block derer, die noch keiner kaufen will, und setzt sich auf Platz 69. Nicht übel.

(Falls sich jemand fragt, wo Nathan Trents Eigenkomposition „Running On Air“ gekauft wird: Natürlich vor allem in Österreich, dann aber auch in den Niederlanden, in Dänemark, in Rumänien und in Weißrussland. In all diesen Ländern liegt der Song besser als im Europaschnitt, in Weißrussland ist er sogar die aktuelle Nummer 1.)

Beim Publikum nicht so beliebt sind die Titel aus Weißrussland, Armenien, Griechenland, Dänemark, Polen, Israel, der Ukraine, Deutschland und Spanien. Das waren die Schlußlichter in der ESC-Wertung, nun scheinen sie auch in den Top 100 nicht auf.

Übrigens: Sowohl Salvador Sobral als auch Francesco Gabbani können überdurchschnittlich profitieren und haben gleich mehrere Titel in der Wertung. Auch alte Bekannte tauchen wieder auf: Loïc Nottet beispielsweise ist mir beim Vorbeiscrollen aufgefallen. Freut mich für ihn, der kann was. 🙂

ESC 2017: Unser Voting

Wir sind sehr zufrieden! Endlich durfte Portugal auch mal gewinnen, und das noch dazu hochverdient! Daß der tatsächliche Sieger des Eurovision Song Contest 2017 mit dem Sieger unseres kleinen, aber feinen ESC-Abends übereinstimmt, ist ein netter Pluspunkt. 🙂

Wie also war unsere Wertung? Wer hat uns mehr, wer weniger gefallen? Hier die traditionelle Tabelle mit der gemeinsamen Punktewertung:

Rang Land Song Punkte
    Interpret  
1 Portugal Amar Pelos
Dois
24
    Salvador
Sobral
 
2 Italien Occidentali’s
Karma
20
    Francesco
Gabbani
 
3 Ungarn Origo 18
    Joci
Pápai
 
4 Bulgarien Beautiful
Mess
17
    Kristian
Kostov
 
5 Frankreich Requiem 16
    Alma  
6 Zypern Gravity 14
    Hovig  
6 Rumänien Yodel
It!
14
    Ilinca ft. Alex
Florea
 
8 Australien Don’t Come
Easy
13
    Isaiah  
8 Belgien City
Lights
13
    Blanche  
10 Weißrussland Story Of My Life /
Historyja majho žyccia
12
    Naviband  
10 Armenien Fly With
Me
12
    Artsvik  
12 Aserbaidschan Skeletons 11
    Dihaj  
12 Kroatien My
Friend
11
    Jacques
Houdek
 
12 Ukraine Time 11
    O.Torvald  
15 Norwegen Grab The
Moment
10
    JOWST  
16 Griechenland This Is
Love
9
    Demy  
17 Niederlande Lights And
Shadows
8
    OG3NE  
17 Moldau Hey
Mamma
8
    Sunstroke
Project
 
17 Spanien Do It For Your
Lover
8
    Manel
Navarro
 
20 Israel I Feel
Alive
7
    IMRI  
20 Polen Flashlight 7
    Kasia
Moś
 
20 Dänemark Where I
Am
7
    Anja  
20 Vereinigtes
Königreich
Never Give Up On
You
7
    Lucie
Jones
 
20 Schweden I Can’t Go
On
7
    Robin
Bengtsson
 
25 Deutschland Perfect
Life
5
    Levina  

Es war also doch, wie jedes Jahr, ein großartiger, spannender Song Contest. Obwohl, das muß man bei aller Liebe sagen, die Ukrainer Präsentation und Rahmenprogramm komplett vergeigt haben. Bitte, liebes Europa: In absehbarer Zeit nicht mehr für ukrainische Songs abstimmen. 😉

ESC 2017: Letzte Wettquoten vor dem Finale

Ich habs versprochen: Noch einmal gibt es die letzten Wettquoten, wenige Stunden vor dem Finale. Und die habens in sich! Zum ersten Mal mußte Italien die Spitzenposition abgeben. Hauchdünn liegt nun Portugal vorne. Es würde mich nicht wundern, wenn das im Laufe der nächsten Stunden noch einige Male wechseln würde. Extrem spannende Sache!

Zwei Clown-Nummern haben es auch in die Top 10 geschafft: Moldau und Kroatien. Soll sein. Dafür sind auch Frankreich und Belgien wieder zurück.

Rang Land Song
    Interpret  
1 Portugal Amar Pelos Dois
    Salvador Sobral  
    (Nach vielen Jahren endlich wieder Wunderschönes aus dem ansonsten fadogebeutelten Land. Ein naives Märchen zwischen Disney und Audrey Hepburn.)  
2 Italien Occidentali’s Karma
    Francesco Gabbani  
    (Ein hinreißendes Schlitzohr mit einem Affen, eine Melodie in der richtigen Balance zwischen „Ohrwurm“ und „nicht zu langweilig“, ein schlauer Text und eine Choreographie, die auch ich mitmachen kann. (Und: Keine Ballade!))  
3 Bulgarien Beautiful Mess
    Kristian Kostov  
    (Radiotaugliche Ballade mit sympathischen Ethnosprenkeln.)  
4 Belgien City Lights
    Blanche  
    (Zeitgemäßer, charttauglicher Song, der aber leider irgendwo auf halber Strecke hängenbleibt.)  
5 Schweden I Can’t Go On
    Robin Bengtsson  
    (Seelenlos konstruierte, äußerst professionelle Nummer. Passend seelenloser, äußerst unsympathischer Sänger.)  
6 Rumänien Yodel It!
    Ilinca ft. Alex Florea  
    (Billig, billiger, Ostblocktrash. Wenn ich ganz allein bin und Kopfhörer aufhab …)  
7 Vereinigtes Königreich Never Give Up On You
    Lucie Jones  
    (Grundgütiger!)  
8 Kroatien My Friend
    Jacques Houdek  
    (Die Single, die am Muttertag verschenkt wird. Schlimm, schlimm, schlimm.)  
9 Frankreich Requiem
    Alma  
    (La France, je t’embrasse, je te dis que je t’aime … von der ersten Minute an ein Ohrwurm.)  
10 Moldau Hey Mamma
    Sunstroke Project  
    (Ein klein bißchen peinlich. Bleibt nicht hängen.)  

Für mich interessant: Alle vier Spitzenplätze wären Sieger, mit denen ich sehr gut leben könnte. Es könnt also sein, daß der ESC 2017 einen zufriedenen Ossi zurückläßt. 🙂

Christian Kern – gar nicht so übel

Ich beginne Christian Kern zu lieben. Das liegt einerseits daran, daß ich Pizza mag. Andererseits und vor allem aber hat er heute die ÖVP in einer Art und Weise angebellt, wie es lange schon keine ihrer Geiseln mehr gewagt hat:

Wir wollen keine Neuwahlen, wir werden weiter versuchen im Parlament sachpolitische Lösungen zu erzielen – und das auch, falls nötig, mit wechselnden Mehrheiten.

Wenn uns die ÖVP den Stuhl vor die Tür stellt, bedeutet das auch das Ende für eine rot-schwarze Zusammenarbeit für sehr lange Zeit.

Diese Sätze stammen aus einem Gespräch mit der Presse. Außerdem fordert er dort eine Entschuldigung von Kurz für dessen Behauptung, Kern wäre ein Lügner.

Warum freut mich diese Aussage so?

Weil endlich mal jemand auf den Tisch haut. Da geht es gar nicht darum, wie realistisch das Weiterregieren mit wechselnden Mehrheiten denn wirklich sein kann, wenn auch die FPÖ eigentlich Neuwahlen will. Auch die Aufkündigung der Zusammenarbeit für sehr lange Zeit kann ein Bluff sein, der der Vernunft weichen muß. Aber, geben wirs doch zu: Noch jeder SPÖ-Kanzler der letzten Jahre wurde von der ÖVP am Nasenring durch die Manege gezogen. Und jeder SPÖ-Kanzler der letzten Jahre hat das widerstandslos geschehen lassen. Weil es einfach alternativlos schien unter den beiden Prämissen, daß a) die SPÖ unter allen Umständen an der Macht bleiben muß und b) über eine rot-blaue Koalition nicht einmal laut nachgedacht werden darf.

Die Folge: Seit nunmehr genau 30 Jahren regiert die ÖVP dieses Land ununterbrochen. (Um nicht zu sagen: hat die ÖVP Österreich im Würgegriff.) Niemals zuvor in der Geschichte der Zweiten Republik war eine Partei so lange ohne Pause an den Schalthebeln der Macht. (Die Erste Republik hat gleich erst gar nicht so lange existiert wie die derzeitige ÖVP-Herrschaft.) Die Folge ist ein politischer Stillstand. Längst notwendige Reformen scheitern seit 30 Jahren an der Klientelpolitik der schwarzen Betonköpfe. Dazu kommt, daß diese Macht nicht wirklich durch Wählerstimmen legitimiert ist: In den letzten 30 Jahren kam die ÖVP nur selten über 30% der Stimmen hinaus, zuletzt hielt sie bei mageren 24%. Im Sattel halten konnte sich die Partei der Steuervermeider und Kerzerlschlucker durch ihre Alternativlosigkeit: Solange eine SPÖ/FPÖ-Koalition nicht möglich ist, geht sich rechnerisch immer nur ÖVP/FPÖ oder SPÖ/ÖVP aus. Entsprechend sanft wurden die schwarzen Steigbügelhalten von links und von rechts behandelt. Man könnt ja sonst wertvolles Porzellan zerschlagen.

Chistian Kern hat dieses Porzellan nun zerschlagen. Und allein das tut gut. Allzu siegessicher stolziert der eitle Gockel Sebastian Kurz durch die Lande und betreibt Markenpflege in eigener Sache, statt politisch etwas weiterzubringen. Die Präpotenz dieses Buben, der bisher wenig geleistet hat als Minister, ist unerträglich. (Die Belastung der Beziehungen zu anderen europäischen Staaten rechne ich ihm jetzt mal nicht als „Leistung“ an.) Jemand muß ihn in die Schranken weisen. Reinhold Mitterlehner hat stattdessen das Feld geräumt, Christian Kern fletscht nun die Zähne und bellt zurück. Zeit wirds.

Wie gesagt: Ob Kerns Ankündigungen realistisch sind, steht auf einem anderen Blatt. Wenn er tatsächlich Neuwahlen verhindern und weiterregieren will, müßte er eine bunte Truppe von vier Parteien und vier einzelnen fraktionslosen Abgeordneten zusammenhalten, die gerade einmal 51,5% der Stimmen auf sich vereinigen. Das wird nicht wirklich funktionieren. Ebenso kann die Ansage, auf lange Zeit nicht mehr mit der ÖVP zusammenzuarbeiten, nur als Gang in die Opposition oder als Koalitionsangebot an die FPÖ verstanden werden. Beides erfordert Mut und würde ihm in der SPÖ wenig Freunde machen.

Meine persönliche Vermutung ist: Wie einem kleinen Kind zeigt Kern der ÖVP jetzt, wo ihre Grenzen sind. Daß sie sich, obwohl die Erfahrungen der Vergangenheit anderes vermuten ließen, eben nicht alles leisten kann. Die unglaublichen Vorgänge rund um Sobotka und Kurz lassen das aber auch höchst notwendig, wenn nicht überfällig erscheinen.

(Und, nur damit das klar ist: Falls der Kern tatsächlich einen Plan ausgeheckt hat und ohne ÖVP bis zur nächsten regulären Wahl durchhält, dann hat er meine Stimme.)