Linz: Wirklich letztes Geburtstagsfinale

Aus irgendeinem Grund hab ich im September angenommen, daß mein damaliger Besuch in Linz das Ende der diesjährigen Geburtstagsfeierlichkeiten markieren würde. Weit gefehlt:

Ich verbringe wieder ein Wochenende mit dem süßen kleinen Mistvieh und bekomme schon wieder ein Packerl überreicht. Diesmal, so wird mir versprochen, aber wirklich das letzte für heuer. 🙂

Weils durchaus eine Empfehlung wert ist: Es handelt sich um das Buch „Denksport Deutsch“ von Daniel Scholten. Zwar weiß man nicht so ganz genau, worums darin geht (irgendwie zickzackt es von den urindogermanischen Ursprüngen des Genussystems zu gutem Stil und weiter zum doch nicht Verschwinden des Genitivs (you see what I did here?)); zwar ist es seltsam, daß Scholtens Sätze so schwer zu lesen sind, obwohl er unverschnörkelte, einfache Sprache als guten Stil anpreist; zwar schmunzelt man, wenn er den Gender Studies den Rang einer Wissenschaft mit der Begründung abspricht, daß bei ihnen die Erkenntnis der Forschung voraus geht - nachdem er 100 Seiten Genusforschung einzig zu dem (von der ersten Seite an erkennbaren) Zweck ausgebreitet hat, die Gender Studies am Schluß als Scharlatanerie zu entblößen.

Sei’s drum:

Ich bin im letzten Drittel angelangt und habe bisher jede Seite mit großem Vergnügen, viele aber auch mit einigem Erstaunen gelesen. Da ist doch viel unhinterfragtes „Wissen“ in meinem Kopf, das Daniel Scholten einfach so für zumindest sinnlos, wenn nicht sogar für falsch erklärt. (Ich entschuldige mich in aller Form bei jedem, den ich mit Blicken getötet habe, weil er „wegen“ nicht mit dem Genitiv benutzt hat.) Es gibt auch mir bisher unbekannte Erklärungsmodelle für Sprachphänomene, die ich bisher für hoch mysteriös gehalten habe - eben zum Beispiel für die Frage, warum die Erfinder des Deutschen das grammatische Geschlecht so unlogisch auf die Substantive aufgeteilt haben. (Oder war es etwa gar nicht so unlogisch?)

Ob Scholten mit seinen Ausflügen ins Urindogermanische den heute anerkannten Stand seiner Wissenschaft oder eine umstrittene Hypothese widergibt, kann ich nicht beurteilen. Muß ich auch nicht: Was er schreibt wirkt schlüssig und ist hochinteressant. Noch wichtiger: Es eröffnet zumindest einen zweiten, alternativen Blick auf Dinge, die man für längst erledigt hielt … und gibt bei anderen Themen (wie eben der angeblich „gendergerechten“ Sprache) zusätzliche Argumentationshilfen.

Ich hab auch schon mal die eine oder andere Stunde am Blog des Autors verbracht. „Stunde“ ist dabei wörtlich zu nehmen: Allein an der Frage, ob es „Nach langem, schwerem Leiden“ oder „Nach langem, schweren Leiden“ heißt, reibt er sich 40 Minuten lang … zu meinem großen Vergnügen. 🙂

Wie gesagt: Eine Empfehlung ist das Buch auf jeden Fall. Und ich werde den Abend damit verbringen, auch noch das letzte Drittel zu lesen.

Frühstück, Uhrturm, Mur, Herrengasse

Nach einer Kulturnacht ist der Hunger groß - und ein Hotelfrühstück ist sowieso immer des beste wo gibt. Also haben wir uns extra den Wecker gestellt, um nur ja nichts vom Frühstück im Parkhotel zu verpassen. 🙂

Ausgezahlt hat es sich! Alles, was das Herz begehrt - und sogar einen klassischen Frühstücksprinzen haben die dort. Sehr fein. (Überhaupt stellen wir immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen dem Parkhotel und unserem Ochsen fest. Ob die Ochsin dort ihre Hände mit im Spiel hat?)

Anschließend wollten wir nochmal ein bißchen durch die Stadt bummeln. Im Grunde hatten wir ja nichts mehr zu tun, als auf den Zug zu warten. Also gings nochmal rein in die Gegend um die Herrengasse (wo wir uns gestern Nachmittag schon wie Touristen benommen haben *gg*) und dann weiter zum Schloßberg. Der ist sich nämlich vor dem Theaterbesuch gestern nicht mehr ausgegangen und hat schon sehr, sehr laut nach uns gerufen.

Im Prinzip ist der Schloßberg sowas wie der Pöstlingberg in Linz - nur viel steiler und ganz zentral gelegen. Würde ich jetzt schreiben, daß wir die Stiegen zum Berg bezwungen haben, dann wär das nichtmal gelogen. Allerdings war das auf dem Rückweg, also bergab. Raufgefahren sind wir schön brav mit der Schloßbergbahn, gemeinsam mit Touristen aus allen Ländern dieser Erde. Wirklich sehr hübsch und beeindruckend da oben. Man muß ja bei dieser Gelegenheit auch erwähnen: Wir hatten zwei Tage lang strahlenden Sonnenschein, und der Ausblick über die vom Herbst gefärbten Bäume (Der Herbst ist ein Maler) auf die wunderschöne Altstadt von Graz hatte schon was sehr Schönes an sich.

Im Anschluß noch ein paar Schritte der Mur entlang, über den Franziskanerplatz zurück zum Hauptplatz und dann wieder ins Hotel: Die Küche dort wollte auch noch getestet werden, das Mittagessen stand auf dem Programm. Sehr fein alles, auch wenn es sich aus irgendeinem Grund beim Service gespießt hat. Das schien aber mehr kurzfristiger Engpaß als grundsätzlicher Stil des Hauses zu sein.

Doch, Graz ist nett. Ich kann mich garnicht genau erinnern, wann genau ich das letzte Mal da war. Das hatte damals wohl berufliche Gründe, ich hatte im von Grazer Schloßberg-Führern wenig respektvoll „der Telekom-Tower, des schiarche Ding da“ genannten Hochhaus zu tun. Damals war nix mit Oper, Altstadt oder Uhrturm. Schön, wenn mans nachholen kann. 🙂

Chess: One Night in Graz

Die Oper Graz hat seit 15. Oktober das Musical „Chess“ im Programm. (Eine kurze Einführung mit Ausschnitten aus der Produktion gibt es hier.) Seit seinem Erscheinungsjahr 1984 gehört das Stück von Benny Andersson, Björn Ulveaus und Tim Rice zu meinen Lieblingen. Die Gelegenheit, es endlich einmal in deutscher Sprache und als große, professionelle Produktion zu sehen, konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Also ab in die steirische Landeshauptstadt, die eine durchaus gut kritisierte Produktion der Theater Chemnitz aus dem Jahr 2015 (auch zu der gibts ein Video) 1:1 übernommen hat.

Übrigens war das gar nicht so einfach: Die Vorstellung, einfach mal kurz nach der Premiere für ein Wochenende halbwegs vernünftige Karten zu kaufen, erwies sich als zu naiv. Wir mußten schließlich getrennt voneinander sitzen. Übers Theater verteilte Einzelplätze gabs gerade noch.

Bevor sich mein Lob über Regisseur, Übersetzer und Sänger ergießt noch eine einleitende Warnung und Einschränkung. Ein sehr weiser Mann hat 2009 über „Chess“ geschrieben:

Eine konzertante Aufführung ist das beste, was man dem Musical Chess antun kann: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die brillante Musik und versucht gar nicht erst, der Handlung einen Rahmen zu bieten. Diese ist nämlich auch nach 25 Jahren noch verworren und lähmend uninteressant, trotz aller zwischenzeitlicher Bemühungen des Autorenteams. (Ich kenne kein Musical, an dem so viel herumgebastelt wurde. Geholfen hat alles nichts.)

Dies gilt auch heute noch uneingeschränkt. „Chess“ ist ein hervorragender Konzertabend, eine großartige CD. Ob daraus jemals echtes Musiktheater werden wird, bezweifle ich mittlerweile. Die in Graz gespielte Fassung (die sehr eng an das Konzeptalbum und die Londoner Uraufführung angelehnt ist) hat nichts dazu beigetragen, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Tim Rice hat wunderbare Texte geschrieben für dieses Stück. Die Handlung aber hat er genauso verbockt wie die Zeichnung der Charaktere. Obwohl die Hauptfiguren auf der Bühne fast von Beginn an von einer großen Emotion in die nächste taumeln („Drama, Baby! Drama!“), obwohl Beziehungen zerbrechen, neue Paare sich finden, Leben zerstört werden und Karrieren auf der Kippe stehen: Es gibt niemanden im Publikum, den das nur ansatzweise interessiert. Schlimmer noch: Spätestens in der zweiten Hälfte des zweiten Aktes hat man ohne intime Vorkenntnisse aller existierenden Bühnenfassungen keine Chance mehr zu verstehen, wer gerade was von wem will … und warum.

Tim Rice hat dem Stück die Idee zugrunde gelegt, daß Menschen im Kalten Krieg von den USA und der Sowjetunion wie Schachfiguren benutzt und gegeneinander ausgespielt werden. Damit auch jeder die Analogie mitbekommt, läßt er die Handlung in einer fiktiven (aber lose dem Duell Spasski/Fischer von 1972 nachempfundenen) Schachweltmeisterschaft spielen und macht die Strategien der Drahtzieher im Hintergrund so wirklich, wirklich komplex - komplex wie Schach eben. Dieses auf mehreren Ebenen Abstrakte, Sympolhafte überlädt das Stück hoffnungslos und ist als intellektuelles Experiment interessant, nicht aber als große Pop-Oper. Im Genre des Musiktheaters will man doch eher in großen Emotionen schwelgen und am Schluß um die Helden weinen.

Ist „Chess“ also ein schlechtes Stück? Keineswegs. Nicht umsonst versuchen mittlerweile buchstäblich Generationen von Regisseuren, eine schlüssige Neuinterpretation zu finden. „Chess“ hat zwei große Stärken: Die Musik von Andersson und Ulvaeus einerseits und die zynisch-beißenden Texte von Rice. Man will es sehen und genießen. Wenn schon nicht als perfektes Musical, dann doch zumindest so gut es eben geht … Und damit sind wir mitten in der Grazer Aufführung. Die ist, unter dem Gesichtspunkt des oben Gesagten, so gut es eben geht im positivsten Sinne.

Thomas Winter hat sich handlungsmäßig nicht lange mit neuen Ideen aufgehalten und das Stück ganz eng am Londoner Original inszeniert. Das ist einerseits ein bißchen schade, weil die Londoner Fasung vielleicht gar nicht die gelungenste von allen war. Andererseits entspricht sie noch am ehesten den Vorstellungen der Autoren und ist zumindest in Hinblick auf die großen Hits am vollständigsten. Stichwork vollständig: Einige Szenen mußten dem Reisebuspublikum zuliebe dann doch dran glauben. In der Regel hat man sie durch kurze Dialoge ersetzt. Dafür ist „Someone Else’s Story“ mit drin, das erst nachträglich für die Broadwayfassung geschrieben wurde.

Die größte Leistung dieser Inszenierung ist das Bühnenkonzept, das von herrlich kitschigen Alpenszenen (in „Merano“ oder „Mountain Duet“) nahtlos in eine sehr abstrakte Formensprache übergeht. (Wenn ich erzähle, daß der Form des Quadrats in vielen Szenen eine zentrale Rolle zukommt, klingt das im Kontext von „Chess“ mäßig originell. Die Art der Umsetzung, die Art der Nutzung vor allem ist aber beeindruckend.) Die Abstraktion liegt dem verkopften Stück. Ihren Höhepunkt finden Bühne und Personenführung dort, wo auch die Musik ihn hat: Am Ende des zweiten Aktes im „Endgame“. Ein großartiger Theatermoment!

Wenn man Thomas Winter etwas vorwerfen kann, dann sind es manche nicht ganz passende Änderungen in der Reihenfolge der Szenen. Warum er zum Beispiel „Nobody’s Side“ nach das „Montain Duet“ stellt, kann man zwar erahnen: Das Konfliktpotential ist in dieser Situation größer. Dennoch paßt es an dieser Stelle nicht mehr so gut. „Nobody’s Side“ erzählt von Florence’s beginnender innerer Ablösung von Freddie. Nach ihrem Treffen mit Anatoly ist sie emotional schon einen Schritt weiter, „Nobody’s Side“ wirkt fehl am Platz.

Bezüglich der Besetzung hat die Grazer Oper alles richtig gemacht. Die weibliche Hauptrolle Florence spielt Annemieke Van Dam. Wir haben sie 2013 in „Elisabeth“ kennengelernt und waren damals nicht uneingeschränkt begeistert. Ihre Rolle in „Chess“ liegt ihr stimmlich wesentlich besser. Mit ihrem „Nobody’s Side“ reißt sie das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.

Marc Lamberty als Freddie hat mit seiner Rolle den schwarzen Peter gezogen. Nicht nur ist er der böse Fiesling … die Komponisten geben ihm auch wenig Chancen, gesangliche Nuancen herauszuarbeiten. Freddie schreit oder („One Night in Bangkok“) rappt. Allerdings weiß man, wenn man das Stück kennt, wo Marc Lamberty scheitern hätte können: „Pity The Child“ hat der Teufel geschrieben. Ich bin verspannt im Zuschauerraum gesessen und hab drauf gewartet, daß seine Stimme bricht. Sie ist nicht gebrochen. „Sei nie ein Kind“ (so der deutsche Titel) hat er auf den Punkt serviert - und „Tauch ein in Bangkok“ auch, eh klar.

Der große Star war zweifellos Nikolaj A. Brucker als Anatoly. Ich kann mich nicht erinnern, seit dem Konzeptalbum von 1984 einen so intensiven Russen gehört zu haben. Anatoly hat im Stück - anders als sein amerikanischer Gegenspieler - viele schöne Melodien zu singen. Seine großartigste Szene ist „Anthem“, das Finale des ersten Aktes, von Thomas Winter auch gänsehautmäßig und mit aktuellem Bezug auf die Bühne gebracht. Der Schlußapplaus für Bruckners Leistung an diesem Abend war ehrlich verdient.

Von den sonstigen Rollen (Svetlana: Katja Berg; Molokov: Wilfired Zelinka; Walter: Richard Friedemann Jähnig) ist vor allem der als „Schiedsrichter“ namenlose Sven Fliege hervorzuheben. Er wird eigentlich nur benötigt, um die bockige Handlung als Erzähler voranzutreiben, wenn sich wieder einmal keiner auskennt. (Bezeichnend, daß Tim Rice die Rolle überhaupt hineingeschrieben hat.) Im Grunde hat sein Charakter kaum Profil und interagiert nur oberflächlich mit den restlichen Figuren. Sven Fliege gibt ihm nicht nur eine wunderbar rockige Stimme, sondern auch eine herrlich exzentrische Bühnenpräsenz. Bravo!

Erwähnenswert noch: Selten kommt es vor, daß eine Musicalproduktion das Opernballet im Tutu auf die Bühne holt und en pointe tanzen läßt. In „Chess“ passiert das gleich mehrfach zur Visualisierung der an sich schwer szenisch zu erzählenden Schachturniere. (Warum zum Teufel mußte Rice auch ein Musical über Schach schreiben?) Was am Anfang noch zu hörbaren Irritationen vor allem im Abo-Publikum geführt hat, war schließlich einer der Höhepunkte des Abends. Andersson und Ulvaeus haben ein wunderschönes Thema für diese Spiele gefunden, das Choreograph Danny Costello überraschend „schachmäßig“ umgesetzt hat. Auch hier werte ich den Schlußapplaus als Beleg dafür, wie gut das zunächst genrefremde Element schließlich gefallen hat: Das Ballet ist in etwa auf die gleiche Lautstärke gekommen wie einige Hauptdarsteller. 😉

Bleibt als letzter Name Kevin Schroeder: Er hat die deutschen Texte zu verantworten. In Bezug auf die Aufführung in Chemnitz habe ich für mich überraschend viele negative Reaktionen auf seine Arbeit im Internet gelesen. Er hätte die Feinheiten des Originaltextes zu sehr glattgebügelt, heißt es da. Ganz nachvollziehen kann ich das nicht: Tim Rice in einer Übersetzung gerecht zu werden ist ein harter Brocken … und vielleicht gar nicht der Anspruch, den man als Zuseher stellen sollte. Viel wichtiger ist, daß die Texte ungekünstelt und den Charakteren angemessen wirken. Bei wie vielen Musicalübersetzungen haben sich schon meine Zehennägel aufgerollt, weil ein für die Szene essentieller englischer Satz nur unter massiver Mißhandlung meiner Muttersprache auf ebensoviele deutsche Silben verteilt werden konnte. (Kann sich noch jemand erinnern an Dieser Schock bis ins Mark bei dem Anblick von ihrem Gesicht?) Schroeders Übersetzung ist zeitgemäß und wirkt natürlich, so als hätte er selbst das Stück auf Deutsch geschrieben. Das ist mir viel wichtiger als angebliche Nuancen in einem Stück, dessen Charaktere gerade mal so viel Tiefe haben wie ihre Beschreibung im Programmheft.

Ist „Chess“ in Graz eine Empfehlung wert? Jedenfalls für jeden, dem die Musik auf CD gefällt. Die Sänger sind hervorragend, die szenische Umsetzung optisch beeindruckend und durchdacht. Daß die Handlung ein Krampf ist, weiß jeder Chess-Fan ohnehin. Wer von „Chess“ nur „One Night In Bangkok“ aus dem Radio kennt und einen üblichen Musicalabend mit sterbenden Heldinnen erwartet, wird vielleicht enttäuscht nach Hause gehen - genau wie jene, die der Komponisten wegen ein Stück wie „Mamma Mia!“ erwarten.

Die „große Nummer“, die komplette Neuerfindung des Stücks, die Fassung, die jeder Fan gesehen haben muß, ist die Aufführung in Graz auch nicht. Das war wahrscheinlich eher die englische Tourneeproduktion aus dem Jahr 2010, die in dieser Form vermutlich aber eher auf kleineren Bühnen funktioniert.

Parkhotel

Nach einer gar nicht so entsetzlich langen Zugfahrt durch die übelste Gegend Österreichs sind wir wohlbehalten im Parkhotel angekommen. Doch, haben wir gut ausgesucht. Kein Designerschnickschnack, dafür 100% Gemütlichkeit. Leider hat das hoteleigene Restaurant schon geschlossen. Wir müssen uns also auf die Suche nach Futter machen. 😉

Evita! Evita! Evita! (Felix Martin! Felix Martin!)

Haben wirs also geschafft: Evita im Ronacher. Und was für ein Glück das war, daß wir doch noch den Arsch hochbekommen haben! Ich mein: Evita, das hat man ja schon gesehen. Im Theater hier, in der Tourneeproduktion da, im Kino, im Fernsehen … sogar während meines USA-Aufenthalts hab ich Evita in Traverse City erlebt. Da meint man dann immer, daß nächste Woche auch noch reicht - und irgendwann wärs dann zu spät. Was, wie angedeutet, in diesem Fall extrem schade gewesen wäre.

Fangen wir zunächst nicht mit dem unumstrittenen Star des Abends an. Widmen wir uns stattdessen der Besetzung. Der erste Blick im Foyer gilt ja immer dem kleinen Zettelchen mit „Heute Abend spielen“. Drew Sarich als Che - jawoll! Wegen dem geht man ja hin. Marjan Shaki als Evita? Ooooch. Echt jetzt? Kann die denn das? Ist die nicht zu jung? Naja, mal sehen. Und als Perón - neeeee, nö? Felix Martin! Der Marius aus Les Misérables! Der Felix Martin, den ich in einer eher bizarren Phase meines Lebens mal im Café Sperl kennengelernt habe. Kinder, wie schnell die Jugend verfliegt: Gerade war er noch fahnenschwingender Revoluzzer und mit seiner ersten Liebe auf den Barrikaden von Paris, heute schon steht er als über 50jähriger Oberst an der Spitze eines populistischen Gewaltregimes. 🙂

Wie hat sich das Trio geschlagen? Ein Glücksgriff. Absolut genial. Eine tiefe Verbeugung vor Marjan Shaki, die ich gleich um mehrere Größenordnungen unterschätzt habe. Wie gesagt, sie ist nicht die erste Evita, die ich sterben sehe … aber kaum eine hat je so eine gute Figur gemacht dabei, schauspielerisch und stimmlich. Evita muß eine harte Partie sein, fast jede Sängerin gerät irgendwann im Lauf des Stücks an Töne, um die sie sich herumschwindeln muß. Nicht so Marjan Shaki. Es gab, wenn ichs richtig im Kopf hab, zwei Momente, in denen sie sich zwischen „laut“ und „hoch“ entscheiden mußte, obwohl Lloyd Webber eigentlich beides wollte. Sie hat das Richtige getan: Den Ton sauber ausgehalten, ohne zu schreien. Zwei kleine Kompromisse in einer Aufführung, die ihr stimmlich, schauspielerisch und auch tänzerisch einiges abverlangt haben. Doch, auf die nächste Produktion mit ihr freue ich mich sehr.

Zu Drew Sarich kann man nichts mehr sagen. Er hat seinen Platz im Herzen der Wiener Musical-Fans verdient. Die Rolle des Che ist ihm auf den Leib geschrieben. Conny, wenn Du auf meinem Platz gesessen wärst, hättest Du nur die Hand ausstrecken brauchen. Um ein Haar hätte er mir sogar sein Rohr in die Hand gedrückt, hat die Sache dann aber doch zwei Reihen vor uns erledigt. Wer weiß, wenn Du da gewesen wärst …? 😉

Felix Martin wiederzusehen hat mich wirklich gefreut. Er ist eine perfekte Besetzung für Perón und ringt der im Grunde wenig sympathischen Figur Nuancen ab, die ihn wohltuend von der flachen Schablone in anderen Inszenierungen unterscheiden.

Wer ist jetzt der Star des Abends? Sarich? Shaki? Martin? Keiner von ihnen. Der Star des Abends heißt ohne Zweifel Vincent Paterson. Er hat für Madonna, Michael Jackson und andere Stars Videoclips und Tourneen choreographiert und zeichnet für Evita in Wien als Regisseur und Choreograph verantwortlich. Der kann was, aber hallo! Die Inszenierung ist kräftig, schwungvoll, voll knalliger Farben, an den richtigen Stellen trübe und grau … Noch nie habe ich das Stück so wild erlebt. Allein „Wach auf, Argentinien“ ist das ganze Eintrittsgeld wert. 🙂

Vor allem der zweite Akt ist eine atemlos komponierte emotionale Hochschaubahn, die das Publikum fester und fester in einen Schraubstock zwingt. Völlig undenkbar in anderen Inszenierungen: Es gab nach der Pause praktisch keinen Applaus mehr, nicht einmal nach „Wein nicht um mich, Argentinien“. Das Publikum hat in seiner Fassungs- und Sprachlosigkeit die Kraft der Inszenierung verstärkt und fast körperlich spürbar im Theater festgehalten. Der beklemmendste Moment war der Übergang vom „Walzer für Evita und Che“ zu „Schau in mein Herz“. Man hat im ausverkauften Theater keinen Atemzug gehört.

Erst mit dem Schlußapplaus löste sich die Spannung, wischten sich die alten Männer aus dem Kärntner Reisebus verschämt die Tränen unter den Brillen weg. Ausatmen.

Evita ist ein altes Musical, dessen Geschichte bis ins Jahr 1976 zurück reicht. Trotzdem ist das Stück auf beängstigende Weise aktuell und wird auch so empfunden: Nationalismus, Populismus, Politik als Show, Ausländerfeindlichkeit, der Einsatz von Gewalt und Drohungen gegen politische Gegner unter dem Deckmantel einer Demokratie, Machtbesessenheit … Das alles könnte auch heute spielen. Die Menschen haben sich nicht geändert und fallen immer noch auf die gleichen dummen Tricks herein. Wach auf, Argentinien … aber nicht nur Argentinien.

Jolla: Fiskarsinjoki

Fiskarsinjoki ist ein kleiner Fluß, der durch die finnische Stadt Fiskars fließt. Diese liegt etwa 1½ Autostunden westlich von Helsinki. Fiskarsinjoki ist auch der Codename der heute im „Early Access“-Programm veröffentlichten Version 2.0.4.13 des Sailfish-Betriebssystems von Jolla.

Wer jetzt genau mitgezählt hat, dem fällt auf: Nach 2.0.2 (Aurajoki) kommt direkt 2.0.4? Da fehlt doch was? Nicht wirklich: Version 2.0.3 wurde veröffentlicht, allerdings nur für das geheimnisvolle Turing Phone. Sie enthielt auch nur Hardwareadaptierungen für dessen spezielle Features.

Fiskarsinjoki enthält nun 16 neue Pakete. 315 Pakete wurden (im Vergleich zu Aurajoki) verändert, wobei laut Changelog knapp 2.000 neue Features und Bugfixes in den Code eingeflossen sind. Besonders erfreulich für mich persönlich sind dabei:

  • Aktualisierung der Rendering Engine des Browsers
  • Behebung eines lästigen Fehlers im Kalender
  • verbesserte Benutzerfreundlichkeit der Kamera
  • erweiterte Fotobearbeitungsmöglichkeiten
  • erweiterte Dateitypenunterstützung bei MMS
  • beliebige Dateitypen über den Dateimanager teilen
  • Verbesserung des SD-Karten-Managements

Ich hab mittlerweile eine ganze Reihe von Geräten zu aktualisieren … 🙂

MyTaxi, Wiener Funktaxizentralen, Uber: Der App-Vergleichstest

Rund ein Viertel ihres Einkommens geben Österreicher monatlich fürs eigene Auto aus. (Wer das jetzt für einen unrealistischen Wert hält, hat vergessen, die anteiligen Anschaffungskosten bzw. den Wertverlust mit reinzurechnen.) Je nach Modell belaufen sich diese monatlichen Kosten nach ÖAMTC-Berechnung auf zwischen € 366,- und € 2.400,-. Im Schnitt (Durchschnittseinkommen eines Durchschnittshaushalts) kommen wir auf ca. € 500,- pro Monat, die in den Budgettopf „eigenes Auto“ fließen. (Und da sind Schmankerl wie gebührenpflichtige Parkplätze und unvorhergesehene Kosten noch gar nicht mit eingerechnet.)

Wer kein eigenes Auto hat, kann um dieses Geld ziemlich oft mit dem Taxi fahren. Genau so mach ich das: Gleiche Kosten, keine Scherereien mit Parkplatz oder teuren Reparaturen, sinnvoll nutzbare Fahrtzeit. So weit, so vernünftig.

Bis Juni war ich in der Wahl meiner Taxis ziemlich unflexibel: Ich hab einfach die MyTaxi-App verwendet und nicht weiter drüber nachgedacht. Nachdem dann aber die berüchtigte Rabatt-Affäre mein ohnehin schon eher gespanntes Verhältnis zum Kundendienst der Daimler-Tochter endgültig vergiftet hat, habe ich mich nach anderen Handy-Apps umgesehen, die vergleichbare Funktionen bieten. Angeboten haben sich Uber und die Apps der zwei großen Wiener Taxifunk-Zentralen. Nach über drei Monaten Praxistest kann ich nun einen durchaus fundierten Erfahrungsbericht abliefern.

Die Details zu den Apps folgen unten. Beginnen wir mit der in solchen Fällen zwingenden Tabelle:

  Apps 40100, 31300 Uber MyTaxi
Usability ☆☆☆ ★★★ ★★☆
⌀ Preis (Referenzstrecke vom 17. in den 2. Bezirk) € 20,- € 12,-

(Uber X;siehe unten)
€ 20,-
Stammfahrer
Planbarer Preis unabhängig von Auslastung
Vorbestellung möglich

(siehe unten)
Komfortautos verbindlich bestellen

(gegen Aufpreis)
Unverbindliche Zusatzwünsche möglich
Bargeldlose Bezahlung per App

(siehe unten)

(ausgenommen Trinkgeld)
Qualität Fahrer ★☆☆ ★★★ ★★☆

(ohne Berücksichtigung Stammfahrer)
Qualität Autos ★★☆ ★☆☆

(ohne Berücksichtigung Uber Black)
★★☆

(ohne Berücksichtigung Stammfahrer)
Kundendienst ★☆☆ ★★★ ☆☆☆
Bezahlung ohne App (Bargeld, Karte)
Schätzung Anfahrtszeit vor Bestellung
Live-Anzeige der Anfahrt auf Karte
Anzeige des Preises während der Fahrt
Fahrer mit guter Bewertung werden bevorzugt
⌀ Anfahrtszeit 3min 8min 6min
Direkte Kontaktaufnahme mit Fahrer während der Anfahrt

Was gibts im Detail zu den Taxi-Apps zu sagen?

MyTaxi

Im Gegensatz zu Uber hält MyTaxi sich an die Spielregeln der Branche und kann daher nicht über kreative Preisgestaltung punkten. Stattdessen versucht man es über einen gegenüber 40100 oder 31300 deutlich höheren Qualitätsanspruch.

Die App selbst ist solide und erfreut durch sinnvolle Verzahnung mit dem Betriebssystem. Für die schnelle Bestellung ist man im Vergleich zu Uber etwas übers Ziel hinaus geschossen: Weniger Knöpfchen wären hier mehr. Punkteabzug gibts für die immer wieder aufgetretenen und lange nicht behobenen Fehlfunktionen. Es hat den Anschein, als ob Updates oft zu wenig getestet veröffentlicht wurden. Mit den Fehlern mußte man dann monatelang leben.

Wesentliches Alleinstellungsmerkmal und vor allem für Vielfahrer unbedingt empfehlenswert ist die Stammfahrerfunktion: Nach der Fahrt kann ein besonders freundlicher Fahrer in die Liste der Stammfahrer aufgenommen werden. Ist bei der nächsten Bestellung ein Stammfahrer frei und in einer vertretbaren Entfernung, wird er (auf Wunsch) bevorzugt angefragt. Auf diese Weise baut man als Kunde sein eigenes Team von qualifizierten Privatchauffeuren auf und reduziert unangenehme Erlebnisse beim Taxifahren auf ein Minimum.

Ebenfalls qualitätssteigernd: Zwar drängen alle drei verglichenen Apps den Kunden dazu, nach der Fahrt eine Bewertung abzugeben. MyTaxi scheint aber als einzige Vermittlung die durchschnittliche Bewertung tatsächlich stark zu berücksichtigen, wenn es um die Zuteilung von Kundenaufträgen geht. Bei Uber empfinden die Fahrer die Bewertung eher als Spiel, bei 31300/40100 wissen sie nicht einmal, daß es sie gibt. MyTaxi-Fahrer hingegen freuen sich über “5 Sterne”, weil gute Bewertungen mehr Aufträge und somit mehr Geld bedeuten. Sie strengen sich daher auch an, was unterm Strich wieder dem Kunden zugute kommt.

Alles in Ordnung also bei MyTaxi? Absolut nicht. Während sich die Fahrer selbst tatsächlich um den Kunden bemühen, hält man in den Büros des Unternehmens wenig vom selbstauferlegten Qualitätsstandard. Mails werden nicht nur verspätet beantwortet, man erwischt auch regelmäßig die falschen Textbausteine. (Eine Beschwerde über einen Fahrer wurde beantwortet mit Danke für die Anregung, wir werden sie an unsere Programmierer weiterleiten.) Zwischen den Zeilen schwingt einfach sehr deutlich mit: Der Weltkonzern Daimler braucht sich um die Abwicklung einer 14-Euro-Fahrt in Wien nicht kümmern. Uber sieht das ganz anders und saugt mit seinem Angebot Uber unzufriedene Kunden von Daimler ab.

Uber

Uber ist ein problematisches Konstrukt. Daß die Fahrten mit dem Produkt „Uber X“ im Schnitt um ca. 50% billiger sind als Fahrten nach dem Taxitarif, lockt Kunden an. Gleichzeitig bedeutet das: Der Fahrer verdient entsprechend weniger. Dazu kommt, daß Uber laut Aussage mehrerer Fahrer rund 20%-25% des Fahrpreises als Vermittlungsprovision einbehält. Zum Vergleich: Konkurrent MyTaxi gibt sich mit einem Euro pro vermittelter Fahrt zufrieden.

Vor allem wird Uber mit Recht kritisiert, weil es in einer streng geregelten Branche tätig ist, ohne die Vorschriften zu befolgen. Taxitarif, Taxiprüfung, Taxischein, … Mit formalen Tricks drückt sich Uber um diese Rahmenbedingungen herum, bedient aber den gleichen Markt. Der Gesetzgeber wäre hier gefordert, auf die eine oder andere Weise gleiche Spielregeln für alle zu schaffen. (Der Wegfall der Taxilizenz führt z.B. dazu, daß manche Fahrer überhaupt nur Englisch sprechen und/oder nicht einmal die Hauptstraßen in Wien kennen.)

Wer über die politisch-moralischen Aspekte des Angebots großzügig hinwegsehen kann (oder gerade Alternativen zu MyTaxi testen muß), findet in Uber einen durchaus interessanten Anbieter:

In Wien werden drei Produkte zu unterschiedlichen Preisen angeboten: Die Billigschiene Uber X (auf die sich die Tabelle oben großteils bezieht), die Luxusschiene Uber Black und Uber Van für größere Gruppen mit bis zu 8 Personen. Die letzten beiden Produkte kosten deutlich mehr als ein Taxi, die Preise liegen rund 50% über dem Taxitarif. Man kann/muß sich also entscheiden: Ein bequemes Auto, für das man aber auch wirklich viel zahlen muß (Referenzstrecke: € 28,-), oder aber eine möglichst billige Fahrt im kleinen Hyundai.

Die Preisgestaltung ist aus einem anderen Grund die Achillesferse des Systems: Uber hat keine Fixpreise. Die in diesem Artikel genannten Euro-Beträge sind Mindestpreise zu geschäftsschwachen Zeiten. Kaum steigt die Nachfrage, ziehen auch die Preise an. Vor der Bestellung wird der Kunde zwar darauf hingewiesen, daß die Preise für Uber X um den Faktor 2,1 angehoben wurden. Trotzdem bedeutet das: Aus dem Anbieter mit dem Billig-Image kann sehr, sehr schnell ein sehr, sehr teurer Spaß werden, wenn man nicht aufpaßt. Prominenter Aufreger in diesem Zusammenhang waren die 8fach erhöhten Preise zu Silvester. (Die Sache mit dem volatilen Fahrpreis ist auch der Grund dafür, warum eine echte, verbindliche Vorbestellung bei Uber als einzigem Anbieter nicht möglich ist: Man weiß nicht schon zum Zeitpunkt der Vorbestellung, was die Fahrt später kosten wird. Daher kann man nur so etwas wie unverbindliche Erinnerungen setzen.)

Im praktischen Umgang mit Uber bedeutet das: Man sollte sich nicht nur auf Uber verlassen und mindestens eine zweite App installieren. Neben den teilweise extrem hohen Preisen kommen ja auch noch die oft vor allem in den Randbezirken langen Wartezeiten dazu.

Lästig auch: Uber drängt seine Fahrgäste dazu, kein Trinkgeld zu geben. Eine Bezahlung ist sowieso nur bargeldlos möglich, das Dazurechnen von Trinkgeld ist (im Gegensatz z.B. zu MyTaxi) nicht möglich. Wer sich darauf nicht einlassen möchte und der Meinung ist, daß freundliche, talentierte Fahrer auch Trinkgeld bekommen sollten, der muß das an der App vorbei und in bar bezahlen. Klingt unkompliziert, ist es aber nicht: Kaum jemand hat den passenden Betrag in Münzen bei der Hand.

Positiv: Der erstaunlich professionelle Kundendienst. Beschwerden werden nach wenigen Minuten in einer perfekt auf die Kundenanfrage zugeschnittenen Mail beantworten. Großes Kompliment an denjenigen, der bei Uber die Formulierungsrichtlinien für Mitarbeiter entworfen hat. Die Gutschrift für die beanstandete Fahrt kommt noch vor der Mail. Absolut perfekt!

Ebenfalls hervorzuheben: Die großteils überdurchschnittlich freundlichen Fahrer. Die im Vergleich zu „echten“ Taxifahrern mangelnden Ortskenntnisse fallen in der Praxis so gut wie überhaupt nicht ins Gewicht: Jeder Uber-Fahrer hat ja immer auch ein Navi. Auch ob jemand deutsche oder englische Freundlichkeiten äußert, ist mir egal. Wichtig ist, daß ich mich während der 20minütigen Fahrt zusammen mit einem mir wildfremden Menschen wohl fühle; daß er so fährt, wie ich will; daß ich je nach Stimmung bespaßt oder in Ruhe gelassen werde; daß ich mit kleinen Extras wie einem Ladekabel fürs Handy auch im billigen Uber X positiv überrascht werde. Das alles klappt bei Uber unerwarteterweise besser als bei den „echten“ Taxiunternehmen. Volle drei Sterne also in der Tabelle.

Apps der Funkzentralen 40100, 31300

Die beiden Apps werden getrennt voneinander angeboten, sehen aber gleich aus, weil sie vom gleichen Entwickler kommen. Das Aussehen und die Bedienung erinnern an Windows 3.11 aus den 1990er Jahren. Für die Bedienung mit Fingern auf einem Touchscreen sind die Programme nur bedingt geeignet. Die schlechte Bewertung bei „Usability“ kommt großteils daher.

Die Bezahlung ohne Bargeld ist theoretisch möglich, spielt praktisch aber keine Rolle. Ein Kunde versteht unter bargeldloser Bezahlung die Hinterlegung einer Kreditkarte oder eines PayPal-Kontos direkt im Programm. Die Apps der Funkttaxi-Zentralen lassen angeblich die „Hinterlegung von Zahlungsmitteln“ zu. Allerdings habe ich bisher nur eine geheimnisvolle „Kundenkarte“ als mögliches Zahlungsmittel entdeckt - ohne Hinweis darauf, wie man zu so einer Kundenkarte kommt. Ich hatte daher wenig Skrupel, in der Tabelle den Punkt „Bargeldlose Bezahlung“ auf „Nein“ zu setzen.

Positiv: Die Taxizentralen mußten die Autos nicht extra für die App-Bestellung nachrüsten, es stehen einfach alle Wiener Funktaxis zur Verfügung. Für den Fahrgast bedeutet das extrem kurze Anfahrtszeiten. Ein Vorteil vor allem im Vergleich zu Uber und MyTaxi, die noch mit kleineren Flotten unterwegs sind und vor allem die Randbezirke nicht gut abdecken.

Fazit

Den Testsieger gibt es nicht. Zu unterschiedlich sind die Stärken und Schwächen der Apps, zu unterschiedlich vor allem die Anforderungen der Kunden.

Wer einfach nur möglichst schnell ein Taxi haben möchte und vor allem auch beim Preis keine unangenehmen Überraschungen erleben will, der ist bei den klassischen Funktzentralen gut aufgehoben. Die Apps sind zwar unglaublich schlecht gemacht und bestellen schon auch mal die eine oder andere Fahrt, die man gar nicht wollte … Dafür ist die Abdeckung über ganz Wien nach wie vor unerreicht. Das Basisprodukt also für alle Fahrten, bei denen es schnell gehen soll.

Wer vor allem den absolut günstigsten Preis will und darauf etwas zu warten bereit ist, der ist mit Uber gut bedient. Mit dem Produkt Uber X kann man sehr billig zum Ziel kommen - wenn es nicht jetzt sofort und gleich sein muß. Gerade während der Hauptverkehrszeiten muß man schon bereit sein, seine Fahrt um mehr als nur ein paar Minuten zu verschieben, wenn man vom Minimum-Tarif profitieren möchte.

MyTaxi könnte für Vielfahrer eine Option sein, die den regulären Taxitarif zahlen und trotzdem lange warten möchten: Dann nämlich, wenn dem Kunden Qualität wichtiger ist als Wartezeit oder Geld und er Zeit in den Aufbau eine Stammfahrerliste investieren möchte. Könnte habe ich deshalb im Konjunktiv geschrieben, weil zur Qualität gerade bei Vielfahrern eben auch die des Kundendiensts gehört und das Unternehmen MyTaxi die größten Anstrengungen unternimmt, jedem von seinen Fahrern eventuell hinterlassenen positiven Eindruck nach Möglichkeit wieder ein negatives Erlebnis entgegenzusetzen. Wie auch immer: Da gibts noch Potential, wie man so schön sagt. 🙂