Kaputte Ansichtskarte

Na? Die Post ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Da hat uns doch vor einigen Tagen eine Ansichtskarte aus Trassenheide erreicht â€Š und die war kaputt, in viele kleine Einzelteile zerbrochen! Ganz offensichtlich ist das am Postweg passiert. Kann ja gar nicht anders sein. 🙂

Es gibt aber nichts, was man nicht mit etwas Geduld und einer Tasse Espresso wieder hinbekommt. Wir haben uns also zum Wochenende hingesetzt, die Karte weder zusammengesetzt (der verkehrtrumme Kopf des Vogels hat uns verwirrt) und konnten dann auch den Text auf der RĂŒckseite lesen.

Lieben Dank fĂŒr die nette Überraschung und fĂŒr den Spaß beim Zusammenbauen!

Danke, liebe FPÖ

Wien hat nun nicht mehr nur zwei, sondern drei grĂŒne Bezirksvorsteher. Zu verdanken haben wir das - der FPÖ! Die hat die Bezirksvertretungswahl vom Oktober 2015 nĂ€mlich angefochten, weil nur 21 Stimmen sie von den GrĂŒnen getrennt hatten. In der Hoffnung, bei einem erneuten Urnengang zumindest die GrĂŒnen, vielleicht sogar die SPÖ ĂŒberholen zu können, zogen die Freiheitlichen vor den VfGH und hatten Erfolg. Also zumindest formell: Die Wahl wurde heute auf Wunsch der FPÖ wiederholt.

Inhaltlich dĂŒrfte man sogar im blauen Paralleluniversum das Wort „Erfolg“ anders definieren. Die GrĂŒnen zogen nochmal ordentlich an, wurden stĂ€rkste Kraft im Bezirk und stellen somit den Bezirksvorsteher. Die FPÖ hingegen bleibt nur drittstĂ€rkste Kraft (hinter der SPÖ).

Ich lach mich schief. Go, Bumsti, go!

Linz: Geburtstagsfinale

Eigentlicher Anlaß fĂŒr den Besuch in Linz war ja nicht die Klangwolke. Ehrlich gesagt: Ich hab vor der Abfahrt gar nicht gewußt, daß die dieses Wochenende stattfinden soll.

Nein, es ging darum, das freche Tier wieder einmal zu besuchen. Die Maus hat mich ja urlaubsbedingt jetzt schon mooonatelang nicht mehr gesehen. Außerdem war mein Geburtstag noch nicht zu Ende gefeiert. Mit der (ich nehm jetzt mal an: letzten) PackerlĂŒbergabe fĂŒr heuer sind die Geburtstagsfestspiele 2016 wahrscheinlich die lĂ€ngsten seit 1967. :)

Das Tier macht seinem Ruf alle Ehre. Sie hat sich kein bißchen verĂ€ndert. WĂ€hrend der zwei Tage hat sie zwei Ballis komplett zerfetzt und ein unidentifizierbares Stofftier so wĂŒtend ins Wasser des Biotops gefetzt, daß es nachher nicht nur wie eine tote Ratte ausgesehen, sondern auch so gestunken hat. Weg damit, mit den Ballis und dem Puppi. (Wobei die Sache mit dem „Puppi ins Wasser hauen“ weniger destruktiv ist, als sie im ersten Moment klingt. Meistens funktioniert das nĂ€mlich so: Hund will spielen. Hund wird 20 Minuten lang ignoriert. Hund lĂ€uft mit dem Spielzeug zum Wasser, hauts rein und schaut keck. Alle anwesenden Menschen springen wie von der Tarantel gestochen auf und tun ihr Möglichstes, um das Puppi zu retten. Hund steht im Mittelpunkt und hat gewonnen. Bei Schlechtwetter schießen wir das Spielzeug unter Kommoden und Sofas, wo auch Menschen nur mit Hilfsmitteln wie Stöcken und Schirmen rankommen. Gleicher Effekt.)

Es geht ihr also gut. Mein Bruder, von bösen Zungen in Bezug auf den Hund mittlerweile als Helicopter-Mom bezeichnet, hat ihr sogar ein Hundeplantschbecken bestellt, das wir dieses Wochenende aufgestellt haben. 🙂

Weil sie mich ganz sicher noch nicht genug abgeschleckt hat, muß ich wohl bald wiederkommen.

Linzer Klangwolke 2016: Ist das Kunst oder kann das weg?

Weil es sich zufĂ€llig so ergeben hat, daß wir am Klangwolken-Wochenende in Linz sind, waren wir gestern dort. Die Linzer Klangwolke 2016 mit dem Titel „Fluß des Wissens“ stand ganz im Zeichen des 50jĂ€hrigen Bestehens der Johannes Kepler UniversitĂ€t. Aus diesem Grundgedanken hĂ€tte man viel machen können, der Titel „Fluß des Wissens“ deutete in die richtige Richtung. Die Umsetzung aber war ein entsetzlicher Reinfall.

Vorweg: Was ist die Linzer Klangwolke? Sie ist ein Spektakel, ein Volksfest. JĂ€hrlich kommen 100.000 Zuseher in den (dafĂŒr viel zu kleinen) Donaupark, um sich an einem unterhaltsamen Schauspiel aus Pyrotechnik, Lasereffekten und eingĂ€ngiger Musik zu erfreuen. Das „Wow!“ steht im Vordergrund, der GĂ€nsehauteffekt, den Musik und Feuerwerk gemeinsam erzeugen können â€Š Wenn man sie denn lĂ€ĂŸt.

Der Dortmunder Frank-Martin Strauß, wenig bekannt unter seinem KĂŒnstlernamen FM Einheit, hats heuer verbockt. GefĂŒhlte 50% der Zeit wurden mit gesprochenen Texten gefĂŒllt. Obwohl das völlig unpassend war und dem Rahmen nicht gerecht wurde, waren diese Textpassagen eine Erleichterung im Vergleich zu dem, was zwischendurch als Musik ausgegeben wurde.

Die einzelnen Bilder waren lieblos aneinander gestöpselt. Es gab keine Dramaturgie, keinen Spannungsbogen, keine ErzĂ€hlung in der Musik. Gelegentlich lockerten unmotivierte optische Effekte das dröge Geschehen auf, die aber in keinem Zusammenhang zum akustisch Dargeboten standen. In diesen Augenblicken hĂ€tte man sich gewĂŒnscht, daß bitte jemand die Stromversorgung der Lautsprecher unterbrechen könnte.

Peinliche Tiefpunkte der Veranstaltung:

Gleich zwei Mal wurde die Show fĂŒr endlose BMW-Werbespots unterbrochen. WĂ€hrend die Musik unverdrossen weiterdudelte, rollte Auto um Auto mit der Aufschrift „100 Jahre BMW“ die Donau entlang. Der bewegende Moment wurde als Show-Highlight auf die VideowĂ€nde ĂŒbertragen.

Außerdem: Rektor Meinhard Lukas nutzte die BĂŒhne und hob völlig unmotiviert mittendrin zu einer Rede an, in der er die Verfolgung der Wissenschaftler und die BeschrĂ€nkung der Forschung in der TĂŒrkei kritisierte. Nicht falsch verstehen: Der Rektor einer UniversitĂ€t kann und soll zu diesem Thema seine Meinung Ă€ußern. Dies aber mitten in einem Volksfest zu tun, bei dem die Leut’ eigentlich ein Feuerwerk sehen wollen, ist (um es höflich zu formulieren) unprofessionell.

Zwei Dinge waren tatsÀchlich gelungen:

Da war einerseits das beeindruckende Drohnengeschwader ĂŒber der Donau, das fĂŒr mehr als nur ein „Aaaaah“ und „Ooohhhh“ gesorgt hat im Publikum. Bezeichnenderweise kam dieser wunderschöne Formationsflug nur im Vorprogramm zum Einsatz, wĂ€hrend der Klangwolke selbst waren die Drohnen nur in Nebenrollen zu sehen.

Andererseits natĂŒrlich das traditionell großartige Feuerwerk, das heuer von besonderer QualitĂ€t war - bzw. gewesen wĂ€re. Jeder Vollhorst schafft es eigentlich, eine solche multimediale Show so aufzubauen, daß allles rundherum auf das Feuerwerk als erwartbaren und erkennbaren Schluß- und Höhepunkt zusteuert. Nicht so gestern: Aus den Lautsprechern drang belanglose, einschlĂ€fernde Fahrstuhlmusik, irgendwann brannte das Feuerwerk ab â€Š WĂ€ren nicht Musik und Feuerwerk im gleichen Moment zu Ende gewesen, ich hĂ€tt geschworen, daß die Pyrotechniker am anderen Donauufer zu frĂŒh gezĂŒndelt haben. Aber nein, das war kein Ablauffehler. Das war so geplant.

Schade um den Abend. Was bei diesem finanziellen und organisatorischen Aufwand wunderschönes Theater werden hĂ€tte können, wurde zur verkopften Selbstdarstellung einiger von sich selbst zu ĂŒberzeugter „KĂŒnstler“ und Nerds… und eines Rektors. Weder die Institution Klangwolke noch die UniversitĂ€t Linz haben diesen Dilettantismus verdient.

50 Jahre Raumschiff Enterprise: Politik fĂŒr Millionen

Am 8. September 1966 ging die erste Folge von „Star Trek“ auf Sendung. Daß die Sache so ein riesengroßer kommerzieller Erfolg werden und ein Herr Welzl 50 Jahre spĂ€ter noch darĂŒber bloggen wĂŒrde, war damals nicht abzusehen: Schon nach der zweiten Staffel sollte die Originalserie wegen zu niedriger Quoten eingestellt werden. Fanpost ĂŒberzeugte den Sender, noch ein weitere Staffel zu produzieren - nach 79 Folgen war dann aber endgĂŒltig Schluß. Vorerst.

Inzwischen ist Star Trek Kult. Insgesamt sechs TV-Serien spielen im Star-Trek-Universum, eine weitere ist in Vorbereitung und soll 2017 ausgestrahlt werden. Dazu kommen die dreizehn Kinofilme sowie zahllose BĂŒcher, Comics, Videospiele, â€Š Ich habe sogar einen Pizzaschneider in Form der USS Enterprise in meiner KĂŒche. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Warum die Serie diesen Kultstatus erreichen konnte, scheint auf den ersten Blick nicht ganz nachvollziehbar: Die Produktion war auch nach damaligen Standards billig, die Handlung selten ĂŒbertrieben originell, die Charakterzeichnung schablonenhaft und die Dialoge hölzern (Er ist tot, Jim.). Was an der Sternenflotte fasziniert also immer neue Zuschauergenerationen?

Gene Roddenberry, der Schöpfer der Originalserie (er wurde ĂŒbrigens 1997 als einer der ersten Menschen im Weltraum bestattet), hat mehr entworfen als einen „Western im Weltraum“. Star Trek ist Utopie im ursprĂŒnglichsten Sinn und als solche in höchstem Maße politisch. Roddenberry war ĂŒberzeugter Humanist. Er hat sich fĂŒr das 23. Jahrhundert eine Welt ausgedacht, in der Mangelwirtschaft und Kapitalismus ĂŒberwunden sind, in der der Mensch aus sich heraus nach Bildung und Weiterentwicklung strebt, in der Menschen der Sache wegen ihr Bestes geben und zusammenstehen. Allein diese antikapitalistische, großteils sozialistische Grundannahme im Hauptabendprogramm eines Amerika, das mitten im Kalten Krieg steht und sich ĂŒber die Überlegenheit des Kapitalismus definiert â€Š Hut ab!

Dazu kommen die vielen konkreten Themen, die Roddenberry in der „besseren Zukunft“ verpackt hat, nicht immer zur Freude des konservativen TV-Publikums. Der Vietnamkrieg, die Ungleichbehandlung aufgrund von Geschlecht oder Hautfarbe, der Konflikt mit der Sowjetunion, der blinde Glaube an FĂŒhrer und Heilsbringer, das von den USA oft nicht beachtete Selbstbestimmungsrecht fremder Staaten, die Benachteiligung von Minderheiten, die Militarisierung und die Kriegshetze, â€Š Nein, Star Trek war kein oberlĂ€chliches Unterhaltungsprogramm. Star Trek war ein politisches Manifest des Humanismus.

Am offensichtlichsten wird dieser Anspruch bei den Mitgliedern der BrĂŒckencrew. 2016, 50 Jahre nach der Erstausstrahlung der ersten Folge, können wir an den Gruppenfotos der Hauptdarsteller nichts Ungewöhnliches erkennen. 1966 war das ganz anders: „Eine Negerin“ in einer tragenden Hauptrolle (und zwar nicht als Gegnerin des Helden), das gabs zuvor noch nie. Ebenso war die positive Darstellung eines Asiaten im US-Fernsehen unĂŒblich. Daß dann auch noch Außerirdische und sogar Russen im engsten Kreis um Captain James T. Kirk zu finden waren, machte die Aufregung komplett. Nie zuvor hatte eine Hauptabendserie dem US-Publikum ein so buntes, multikulturelles Bild zugemutet.

Welche Bedeutung diese fĂŒr uns heute selbstverstĂ€ndliche Zusammenstellung der Hauptfiguren damals hatte, zeigt sich an gleich mehreren Episoden um Lieutenant Uhura. Als bekannt wurde, daß diese wichtige Rolle mit der schwarzen Schauspielerin Nichelle Nichols besetzt werden sollte, drohten die Fernsehstationen in den SĂŒdstaaten damit, gleich die ganze Serie nicht auszustrahlen. NBC konnte das zunĂ€chst verhindern. Als es dann aber 1968 in der Folge „Platons Stiefkinder“ zum Kuß zwischen Kirk und Uhura kam, platzte den Verantwortlichen im SĂŒden tatsĂ€chlich der Kragen. Die Folge wurde dort nicht gesendet. Zum VerstĂ€ndnis: In diesem Teil der USA war das Eheverbot zwischen Schwarzen und Weißen erst ein Jahr zuvor aufgehoben worden. Besagter Kuß in Star Trek war der allererste in der amerikanischen Fernsehgeschichte zwischen einem Weißen und einer Schwarzen. Ein absoluter Tabubruch, der den europĂ€ischen Zusehern in seiner Tragweite nie bewußt wurde.

Sehr wohl bewußt war die Bedeutung der „Lieutenant Uhura“ jemand anderem, dem BĂŒrgerrechtler Dr. Martin Luther King nĂ€mlich. Als Nichelle Nichols die Serie nach der ersten Staffel verlassen wollte, war er es, der sie zum Bleiben ĂŒberredete. Weil er in in ihrer Interpretation der Rolle das sah, was Roddenberry zeigen wollte: Daß ein Mensch unabhĂ€ngig von seiner Hautfarbe fĂŒr alle möglichen Berufe geeignet war; daß schwarze Schauspielerinnen und Schauspieler nicht auch noch im 23. Jahrhundert nur Landarbeiter, HausmĂ€dchen oder Matrosen spielen sollten.

Star Trek war von Beginn an Revolution. Der Traum von einer Welt, die wir erreichen können, wenn wir uns nur anstrengen, wenn wir nur besser, gebildeter werden wollen. Das hat den Erfolg der Serie und ihrer Nachfolger ausgemacht, das hat sie zum Kult gemacht. Schließlich war es auch dieser eine zutiefst humanistische Aspekt, der Millionen Fans in ihrer politischen Einstellung geprĂ€gt und sie zu „Gutmenschen“ werden hat lassen. Danke, Gene Roddenberry!

Regisseur J. J. Abrams, der fĂŒr die letzten Kinofilme verantwortlich zeichnet, hat mit dieser Tradition gebrochen und reine Actionspektakel produziert. Seine Filme sind kurzweilig, aber leer. Anlaß zu Wehmut? Sicher nicht. Das Erbe der letzten 50 Jahre ist lebendiger denn je - und notwendiger. Solange Kirk, Picard, Janeway, Sisko und Archer in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden ĂŒber die Bildschirme jagen, ist alles gut. 🙂

Wie hĂ€ltst Du’s mit der Verschleierung?

Burkiniverbote (Frankreich) bzw. Burka-/Niqab-Verbote (Österreich) werden immer hĂ€ufiger diskutiert. Das ist mir unangenehm, weil es mir schwer fĂ€llt, eine Meinung dazu zu entwickeln und zu begrĂŒnden. Ich stehe sehr nahe beim SPÖ-Klubobmann Schieder, den die Presse wie folgt zitiert:

“Ich habe keine Lust mehr, Dinge wie Burka und Niqab unter dem Deckmantel der liberalen, freien Gesellschaft zu verteidigen.”

Wenn Schieder eine voll verschleierte Frau auf der Straße sieht, ruft das in ihm “große Ärger” hervor, weil er “die Verschleierung als Symbol der Unfreiheit sehe. Man hat auch nicht das GefĂŒhl, dass sich diese Frauen sehr wohl fĂŒhlen, vor allem wenn in der Gluthitze des Sommers der Mann in Badeschlapfen vorneweg marschiert.”

Dem kann ich wenig hinzufĂŒgen. Mir fallen dazu die zwei bis auf die Augenschlitze verhĂŒllten Damen ein, die ich letztens am Fuß der Rolltreppe zur U4-Station Karlsplatz gesehen habe. Die sind dort hilflos gestanden und haben sich nicht getraut, auf die Rolltreppe zu steigen. Sie hatten berechtigte Angst, ihre mehr als bodenlange VerhĂŒllung könnte sich zwischen den beweglichen Teilen der Rolltreppe verfangen. Der zu ihnen gehörende junge Mann - weißes Polo-Shirt, kurze Hosen - hat sie lachend angetrieben, doch bitte endlich weiterzugehen. Zugegeben, kein typisches Beispiel, aber eine bildhafte Darstellung der InkompatibilitĂ€t einer Vollverschleierung mit unserem Alltag. (Und eine ebenfalls sehr plastische Darstellung der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.)

Die eigentliche Frage ist aber: LĂ€ĂŸt sich ein gesetzliches Verbot damit begrĂŒnden, daß auch ich keine Lust mehr habe, Burka und Niqab unter dem Deckmantel der liberalen, freien Gesellschaft zu verteidigen? Was kann gegen ein Verbot sprechen? Was dafĂŒr?

FĂŒr das Verbot spricht in erster Linie die Tatsache, daß KleidungsstĂŒcke von Burkini bis Tschador, von Niqab bis Hidschab sichtbare Symbole einer politischen Idee sind, die mit den westlichen Grund- und Freiheitsrechten nicht vereinbar ist. Sie signalisieren ein Primat einer bestimmten Ideologie (im konkreten Fall einer Religion) vor dem Rechtsstaat. Sie signalisieren die Ungleichheit von Mann und Frau, die Nichtteilnahme am gesellschaftlichen Leben, die bewußte Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft. Das sollten genĂŒgend GrĂŒnde sein, die Stoffbahnen zu entsorgen.

Gegner des Verbots berufen sich in der Regel auf religiöse Aspekte und damit auf die Religionsfreiheit. Das klingt zunÀchst plausibel, hat aber aus meiner Sicht zwei Schwachstellen:

Einerseits versichern mir Kenner des Islam immer wieder, daß der Koran die Verschleierung in dieser Form ĂŒberhaupt nicht vorschreibt und glĂ€ubigen Frauen nur nahelegt, in Anwesenheit von MĂ€nnern BrĂŒste und Schenkel irgendwie zu bedecken. Das Wort „Kopftuch“ wĂŒrde, so sagt man mir, im arabischen Original gar nicht vorkommen und hĂ€tte sich erst ĂŒber Übersetzungen und Kommentare eingeschlichen. Ich kann das nicht ĂŒberprĂŒfen, nehme aus der Diskussion aber mit: Auch wenn sich andere Muslime auf den Koran berufen in dieser Sache, so ganz eindeutig dĂŒrfte das Wort Gottes hier nicht sein. (Wahrscheinlich hĂ€tte er nie fĂŒr möglich gehalten, welche Streitereien er mit der Bitte um sittsame Bekleidung auslöst.) Fast schon komisch in diesem Zusammenhang wirkt, daß sowohl das Alte Testament (fĂŒr Juden und Christen) als auch das Neue Testament (fĂŒr Christen) viel deutlicher formulierte Gebote zum Thema Verschleierung enthalten. Eine islamische Sitte ist die VerhĂŒllung von Frauen also keineswegs.

Andererseits ist es meine feste Überzeugung, daß der Begriff „Religionsfreiheit“ nicht bedeutet, daß jeder unter Berufung auf einen unsichtbaren alten Mann einfach alles tun und lassen darf, was ihm gerade so paßt. Es ist der Staat, der an oberster Stelle steht und die Richtlinien vorgibt, innerhalb derer man dann seine Religion ausĂŒben darf (oder eben auch nicht). Vor allem aber bedeutet Religionsfreiheit auch „frei von Religion“ sein zu dĂŒrfen und religiöse Riten und Symbole nicht stĂ€ndig ungefragt aufs Aug gedrĂŒckt zu bekommen. Daher ist es fĂŒr mich eine SelbstverstĂ€ndlichkeit, daß in öffentlichen Schulen kein Kruzifix in den Klassenzimmern zu hĂ€ngen hat. Aus dem gleichen Grund spĂŒre ich auch eine tiefe Abneigung gegen Menschen, die mir ihre Privatsache Religion in Form von Kleidung oder sonstigen offen sichtbaren Symbolen unter die Nase reiben wollen. Das betrifft die Kerzerlschluckerin mit dem Rosenkranz in der Hand genauso wie den Mann mit der Kippa und eben die Frau mit Hidschab. In meiner Welt sind Religionen moralische Leitlinien, keine Frauenzeitschriften mit RatschlĂ€gen zu Mode, Accessoires und ErnĂ€hrung.

Gegen das Verbot der VerhĂŒllung wird auch aus einem anderen Grund argumentiert: Es sei einfach nicht Sache des Staates, sich in die Kleidung seiner BĂŒrger einzumischen. Das ist der Punkt, an dem ich in meiner Argumentation steckenbleibe. Ich kann dem wenig entgegen setzen. Ein Staat, der sich einmischt in die Frage „Was zieh ich heute an?“, hat in meinen Augen gleich mehrere rote Linien ĂŒberschritten. Ja, natĂŒrlich wĂŒrden wir breite Zustimmung finden in der Bevölkerung fĂŒr eine solche Maßnahme - so wie die Mehrheit wahrscheinlich auch einem Verbot der ĂŒbertrieben bunten, löchrigen und ungewaschenen Kleidung zustimmen wĂŒrde, die Punks auf der Straße gerne tragen. Die Wahl der Kleidung ist aber trotzdem ein höchstpersönlicher Lebensbereich, der den Staat so ĂŒberhaupt nichts angeht und sicher nicht per Mehrheitsentscheidung diktiert wird.

Genau hier spießt es sich jetzt in meinem Kopf. Ich habe die Religion als mögliches Argument ganz weggekĂŒrzt, weil ich keine eindeutigen Hinweise auf eine verpflichtende VerhĂŒllung im Islam finde und sie meinem VerstĂ€ndnis von Religionsfreiheit nach auch nicht akzeptieren wĂŒrde. Bleiben die zwei entgegengesetzten Argumente: Ja, ich will ein Verbot, weil die Verschleierung ein deutliches (fast aggressives) Symbol gegen unseren Staat und gegen unsere Grund- und Freiheitsrechte ist. Andererseits: Nein, ich will kein Verbot, weil die Alltagskleidung den Staat nichts angeht.

Komm ich hier noch auf einen grĂŒnen Zweig? Langsam komme ich. Der momentane Stand meiner Überlegungen ist der:

Die Sache mit der Symbolik greift einfach nicht. Sie zeigt im Gegenteil die Verlogenheit der Debatte. Verschiedene Kleidungsstile sind ja Symbole fĂŒr Ideologien, die gegen unsere abendlĂ€ndische Kultur gerichtet sind. Das klassische Outfit der rechten Glatzen gehört dazu. Wollten Minister Kurz oder Klubobmann Schieder schon einmal Springerstiefel, rasierte Glatzen oder TĂ€towierungen der sogenannten Konföderiertenflagge verbieten? Nein? Dann erĂŒbrigt sich jede Diskussion ĂŒber den Niqab, die Symbolwirkung ist da wie dort die gleiche. Einen wesentlichen Unterschied gibt es aber: WĂ€hrend der Kerl mit dem Springerstiefel Verfechter der staatsgefĂ€hrdenden Ideologie ist, ist die Frau unter der Verschleierung mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Opfer. Es ist der Mann hinter ihr (der in Polo-Shirt und kurzen Hosen), der das von mir abgelehnte Weltbild vertritt. Diesem Mann schadet ein Verschleierungsverbot exakt gar nichts. Er wird seine MĂ€dels dann nur einfach nicht mehr auf die Straße lassen, wenn er sie dort nicht unter dem Schleier verstecken kann.

Dazu sollte man auch nicht aus den Augen verlieren, warum das Thema gerade jetzt diskutiert wird: Es sind die Attentate der Rechtsextremen in Paris, Nizza, WĂŒrzburg, Ansbach etc., die die Angst vor dieser faschistischen Ideologie schĂŒren und den Wunsch entstehen lassen, mit ihren sichtbaren Symbolen nicht mehr konfrontiert zu werden. Dazu haben ich vor kurzem gelesen: 100% dieser AnschlĂ€ge wurden von MĂ€nnern in Hosen verĂŒbt, 0% von Frauen in Burkas. Dem ist wenig hinzuzufĂŒgen.

Meine persönliche Überzeugung derzeit also: Nein, keine staatlichen Kleidervorschriften in der Öffentlichkeit. Was einem an einer radikalen Ideologie nicht paßt, hat man direkt zu adressieren und nicht auf dem Umweg ĂŒber Damenoberbekleidung. Und wenn man sich vorstellt, was dieses direkte Adressieren dem Gesetzgeber abverlangten wĂŒrde, dann versteht man, warum Kurz den bequemeren Weg gehen will: Es wĂ€re ein NS-Verbotsgesetz 2.0, das aber wesentlich weitreichender und abstrakter alles unter Strafe stellt, was unserer aufgeklĂ€rten abendlĂ€ndischen Tradition widerspricht. (Dann ĂŒbrigens, und nur dann, könnte man Niqab und Co. als Symbole der verbotenen Ideologie ebenfalls von der Straße verbannen.) Damit aber stehen 50% der ÖVP-WĂ€hler und 90% der FPÖ-WĂ€hler mit einem Fuß im Kriminal. Das packen weder Kurz noch Schieder noch sonstwer an.

Gastfreundliches BĂŒrstenhörnchen

Bis 2014 habe ich bei meinen Ubuntu-Installationen den 6monatigen Update-Zyklus mitgemacht. Jedes Jahr sind also zwei brandneue Ubuntu-Versionen auf meinen GerĂ€ten gelandet. Das war lustig, weil ich Updates mag. 2014 war aber auch das Jahr, in dem sich die Entwicklung der Desktop-Version von Ubuntu spĂŒrbar verlangsamt hat. Ressourcen sind mehr und mehr in die Touch-Variante fĂŒr mobile GerĂ€te geflossen. Also hab ich mir damals gedacht: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um auf LTS-Releases umzusteigen. Die kommen nur alle zwei Jahre im Rahmen des normalen Update-Zyklus heraus, werden dafĂŒr aber auch lĂ€nger mit Sicherheitsaktualisierungen versorgt.

Ubuntu 14.04 war eine solche LTS-Version, also hab ich das entsprechende Hakerl in der Systemsteuerung gesetzt und 14.10, 15.04 und 15.10 an mir vorĂŒberziehen lassen. Zwei Jahre nur Programmupdates und Sicherheitsaktualisierungen, keine groben Änderungen am Betriebssystem. Bis jetzt. Ubuntu 16.04.1 „Xenial Xerus“ (eben: „gastfreundliches BĂŒrstenhörnchen“) ist die neue LTS-Release und hat sich bei mir gemeldet. Im Lauf der letzten Woche hab ich sie auf meinen Ubuntu-GerĂ€ten installiert.

Was soll ich sagen? Zwar haben sich unter der Haube wirklich grobe VerĂ€nderungen abgespielt (der Wechsel von Upstart auf Systemd zum Beispiel, das auch von SaifishOS und Gentoo genutzt wird), als Benutzer bekommt man davon aber kaum etwas mit. Da bemerkt man höchstens, daß Scollbalken sich geringfĂŒgig anders verhalten als frĂŒher, daß das Ende eines scrollbaren Bereichs mit einem kleinen optischen Hinweis angezeigt wird, daß das Software-Center jetzt anders aussieht (weil die Ubuntu-Eigenentwicklung aufgegeben wurde und man auf das Gnome-Softwarecenter setzt) â€Š Ansonsten ist ein Ubuntu 16.04 auf den ersten Blick kaum von einem 14.04 zu unterscheiden.

Ich klopf mir also auf die Schulter und sag: richtige Entscheidung damals. Ein Update alle zwei Jahre reicht bei Ubuntu im Moment vollauf. 🙂