Les Misérables – ich lese das Buch!

Bildungsbürger wie wir wissen, daß das Erfolgsmusical „Les Misérables“ auf einem nicht minder erfolgreichen Roman beruht. Genau den lese ich gerade! Es handelt sich bei dieser Romanvorlage um das Buch „Das Geheimnis der Silberleuchter“ von Giovan Battista Carpi. Leider ist das Werk über die regulären Vertriebswege so gut wie nicht mehr verfügbar. Mein Ex-Chef (der genau unter diesem Pseudonym hier hin und wieder umherirrlichtert) hat es dennoch geschafft, ein gebrauchtes Exemplar für mich unter der Hand bei einem Revolutionsbuchladen in der Taborstraße zu erstehen. Trotz Schnee, Eis und Rutschgefahr! Vielen lieben Dank dafür!

(Jetzt weiß ich auch, was ein leidenschaftlicher Kuß von mir am freien Markt wert ist: 3 Euro.)

Ich hab grad erst am Weg nach Hause angefangen, mich darin zu vertiefen. Aber man spürt schon auf den ersten Seiten die Kraft, die diese Geschichte in ihrer Urfassung ausstrahlt. Donaldius Pontmercy, Jean Dagojean, der Wirt Thénardier mit seiner Frau Trudy, alle sind sie da. (Sogar der kleine Gavroche, der im Éléphant de la Bastille wohnt; ein Detail, das im Bühnenmusical fehlt und erst im Film wieder auftaucht.) Anders als in der Musical-Fassung hilft eine Rahmenhandlung mit Jean Dagojeans Nachfahren Dagobert Duck als Erzähler, die verschiedenen Zeitebenen und Handlungsstränge besser zu verstehen.

Es wird ein literarisch wertvolles Wochenende. Herzlichen Dank, Herr Ex-Chef! 🙂

Demokratie vs. Sauwetter

Der aufrechte Demokrat in mir freut sich seit dem Frühstück darauf, sein Kreuzerl bei der Volksbefragung machen zu dürfen. Der Schweinehund sieht aus dem Fenster und stellt fest: Da draußen ist es kalt und verschneit, ich bleib in der Wohnung.

Nun gibt es ein Beweisfoto, damit auch jeder sieht: Der Demokrat hat gewonnen. Fast ausgerutscht wär ich auf dem Weg zum Wahllokal, durch knöcheltiefen Schnee bin ich gestapft - nur um dann ausgerechnet in jenem Zimmer meinen Willen kundtun zu dürfen, das gut lesbar mit „Pensionistenclub“ beschriftet ist. Saubande, bösartige! 🙂

A1 TV neu: Aua!

Wie konnte das passieren? A1 TV, mein liebes A1 TV, wurde heute bei mir (gegen meinen Willen) auf die neue Benutzeroberfläche umgestellt. Das ist schon mal besonders reizvoll, wenn man Punkt 20:15 einschaltet, dann aber nicht fernsehen kann, sondern 45min mit Updates und Hotlines zubringen muß.

War das das Schlimmste? Nein. Erstes ernüchterndes Erlebnis: Alles ist schwarz/weiß. User Interface, TV-Programm, alles. Als geübter „Geräte via SCART an den Fernseher“-Anschließer weiß ich auch, woran das liegt: Fernseher und A1-Box können sich nicht drauf einigen, ob das Farbsignal via RGB oder via S-Video übertragen werden soll. Kein Problem, ich klicke ins Menü „Einstellungen“ und finde dort - nichts. Ja, HDMI könnt ich als Alternative zu SCART auswählen, aber das bringt mir grad recht wenig. Noch weniger bringt der Anruf bei der Serviceline. Dort wollte ich mich erkundigen, wo die bisher vorhandene Einstellungsmöglichkeit hin verschwunden ist. Der junge Mann hat mir freundlich angeboten, meine Leitung zu messen … und ich hab aufgelegt.

War das das Schlimmste? Nein. Ich konnte die Einstellung am Fernseher anpassen. Das wirklich schlimme am neuen System ist die Mini-Mini-Mini-Schrift, die (fast) überall verwendet wird. Die Buchstaben sind so klein, daß sie nicht mehr sauber getrennt am Bildschirm erscheinen. Buchstaben wie f, t, l oder i sind am 27″-Gerät nicht einmal einen Millimeter breit. Aus einem Sitzabstand von 4m läßt sich der Text einfach nicht lesen. Damit ist ab sofort ausnahmslos jede in A1 TV angebotene Funktion für mich unbenutzbar. Ich kann keine Zusatzinfos zur Sendung aufrufen, ich kann nicht durchs Programm blättern, ich kann nicht suchen …

Merke: Es hat einen guten Grund, warum seit Anbeginn des Fernsehens für jede Art von Textdarstellung die Faustregel gilt: 40 Zeichen pro Zeile.

Gibt es Positives? Ja. Grundsätzlich schon. Allerdings zeigt die konkrete Implementierung all dieser Funktionen wieder Schwächen, bei denen man sich denkt: Wie konnte das nur passieren?! Beispielsweise die bereits erwähnte Suche: Im Prinzip ist das eine tolle Sache. Ich gebe über die Fernbedienung „Enterprise“ ein und sehe schon Tage im Voraus, wann das Raumschiff Enterprise auf irgendeinem Sender auftaucht. Besser noch: Ich kann diese Suche dann abspeichern, damit ich nicht jedes Mal „Enterprise“ tippen muß. Das ist doch toll! Was um alles in der Welt könnt ich daran auszusetzen haben? Nun: Die Ergebnisse erscheinen nach Sender gereiht, nicht chronologisch. Wenn also heute zuerst eine Folge auf SyFy läuft und danach eine auf tele5, dann bekomme ich von der auf tele5 nichts mit. Es werden mir zuerst alle Enterprise-Folgen der kommenden Woche auf SyFy angezeigt (und das sind mehrere pro Tag!), dann alle auf ZDF neo, dann einige Filme aus der A1 Videothek und endlich - wenn ich so lange durchgehalten habe - die heutige Folge auf tele5. Facepalm.

Auch schön: Die Integration von einigen Internet-Features. Twitter und Facebook interessieren mich dabei wenig. Nett (wenn auch optisch unbrauchbar aufbereitet) ist die Möglichkeit, RSS-Feeds aufzurufen. Klingt gut? Ist es nicht. Es sind fix programmierte RSS-Feeds, die garantiert niemanden interessieren. Den Feed meines Lieblingsblogs kann ich nicht hinzufügen. (Was andererseits auch wieder wurscht ist: ich könnte ihn eh nicht lesen, der kleinen Schrift wegen.) Ebenfalls eine hübsche Idee ist der Zugriff auf Flickr. Urlaubsfotos am Fernseher, ja, das lasse ich mir einreden. Was ich nicht verstehe ist, warum die Fotos nur ca. ¼ des Bildschirms füllen. Rundherum ist nur ein schwarzer Trauerrand. Hat sich dabei jemand was gedacht?

Schade drum. Vieles, was vorher praktisch war, ist nun unbenutzbar. Neue Features sind lieb gemeint, aber nicht sinnvoll umgesetzt. Mal sehen, wie lange es dauert, bis ein neues Update kommt - oder (noch besser) die Option, aufs alte User Interface zurück zu wechseln. Ein Buch zu lesen ist wohl eh besser.

ORF @ ESC 2013: professionelle Langeweile

Gestern wurden sie präsentiert, die fünf Songs, von denen wir einen nach Malmö zum Song Contest schicken werden.

Das Gute vorweg: Sie wirken professionell. Es ist kein einziger dabei, bei dem es einem die Zehennägel aufrollt, weil er so peinlich ist.

Leider ist aber auch keiner dabei, den man bis zum Ende durchhält. Keiner der fünf Songs versprüht irgendeine Art von Charme, geht ins Ohr, bietet mir den magischen „Ich will, daß der gewinnt!“-Moment, auf dens ankommt. Noch nie wars mir bei einer nationalen Vorausscheidung so egal, wer auf Platz 1 landet. (In den vergangenen Jahren hatte ich manchmal Favoriten, jedenfalls aber immer mindestens einen Haßkandidaten, dessen Sieg ich um jeden Preis verhindern wollte.)

Man kann sich die Songs hier der Reihe nach anhören. Auf dieser Seite gibts etwas mehr Hintergrundinfo (Komponist, Autor, …) zu den einzelnen Nummern.

Ach ja, noch einen Blödsinn hat der ORF enthüllt: Die Kandidaten werden am 15.2. nicht nur jeweils einen Song singen, sondern zwei. Einerseits natürlich den, mit dem sie nach Malmö wollen, andererseits (und völlig überflüssigerweise) auch noch frühere Siegertitel des ESC. Céline Dions „Ne partez pas sans moi“ wird da ebenso zu hören sein wie (noch nie dagewesen bei einer Song-Contest-Show!) ABBAs „Waterloo“. Wozu das gut sein soll, weiß keiner. Aber die Sendezeit will eben gefüllt werden, nachdem man von 10 auf 5 Kandidaten zurück gegangen ist.

Les Misérables im Briefkasterl

Himmel! Wars wirklich so offensichtlich, was ich wollte, wie ich diesen Kommentar verfaßt hab bezüglich des 25jährigen Jubiläumskonzerts von Les Misérables, das mir in meiner DVD-Sammlung fehlt?

Fehlte. Seit heute hat ich die DVD nämlich. Dem Herrn Schlosser hat dieser Zustand keine Ruhe gelassen. Er hat mir - und das find ich absolut reizend - das Ding kurzerhand auf Amazon bestellt. Heute hatte ichs im Briefkasterl.

Was für eine Aufnahme! Was für Sänger! Von Alfie Boe als Valjean ist man sofort entzückt. Norm Lewis als sein Gegenspieler Javert steht ihm in nichts nach. Samantha Barks spielt die Eponine, genau wie in der aktuellen Kinoverfilmung. Ramin Karimloo ist ein absolut mitreißender Enjrolas. (Sogar den kleinen Gavroche fand ich diesmal ganz witzig. Dabei hasse ich Kinder auf der Bühne.) Einziges schweres Manko ist Nick Jonas. Der Typ hat ein Gesicht wie ein Postkastl, sprechgesangt wie ein kurzatmiger Hamster, wurde dafür aber ausgerechnet mit der Rolle des Marius belohnt. Gräßliche Ausdrücke wie „Besetzungscouch“ kommen einem da in den Sinn.

Daß ich beim Anschaun der DVD meine übliche Comedy-Schiene auf Comedy Central verpaßt hab, macht gar nichts. Als Thénardier verblüfft nämlich Little-Britain-Ekel Matt Lucas (was zugegeben etwas irritierend ist, weil man bei seinen ersten Auftritten eigentlich immer Daffyd Thomas durch die Barrikaden trippeln sieht). Ich wußte gar nicht, was der alles kann. Jedenfalls schaffte er es, das Publikum über eine Textzeile zum Lachen zu bringen, die gar nicht als Scherz gemeint war. Ausgerechnet er muß nämlich in „Beggars At The Feast“ singen: This one’s a queer. But what can you do? Das fanden die Briten in der O2-Arena lustig. 😉

Lustig brauchts auch zwischendurch. Nach den 170 Minuten hatte ich 2kg weniger - alles Tränenflüssigkeit. *gg* Natürlich nimmt die Form des Konzerts gegenüber einer echten Theaterproduktion ein bißchen was an Emotionen weg: Fantines Tod kommt halt nicht so dramatisch, wenn sie aufrecht am Mikrophon steht und Valjean ein paar Meter entfernt von ihr singt, statt gefälligst ihre erkaltende Hand zu halten. Auch kapiert man nicht wirklich, warum sich Valjean inmitten des Barrikadenfeuers plötzlich zum Publikum dreht und „Bring Him Home“ singt. (Im Theater weiß der Zuschauer: Er hat soeben in Marius die erste große Liebe seiner Pflegetochter Cosette erkannt und singt dieses Gebet, während er über dem schlafenden Marius wacht.)

Konzert hin oder her: Beim großen Finale (gesungen von einem Sterbenden, zwei jungen Liebenden (lebend), zwei toten Hauptfiguren und einem ebenfalls längst verschiedenen Chor) hab ich wie immer so geschluchzt, daß wahrscheinlich auch meine Nachbarin beunruhigt war. Endgültig gekippt bin ich dann, wie während des Schlußapplauses die Besetzung der Premiere von 1985 auf die Bühne marschiert ist - gemeinsam mit einigen anderen berühmten Les-Misérables-Sängern. Da gabs dann als Zugabe nochmal „Bring Him Home“ von gleich vier Valjeans gesungen (darunter Colm Wilkinson, dem ersten Valjean) und schließlich auch noch „One Day More“ in der 1985er-Besetzung (inkl. Alun Armstrong und natürlich Michael Ball, der Nick Jonas zeigt, was ein Marius ist).

Danke, Herr Schlosser! What a night!

Nokia und Windows Phone: erkaltete Liebe?

Seit Monaten hört man von Stephen Elop gebetsmühlenartig: Windows Phone ist die Zukunft von Nokia. Lumia, „Ecosystem“, Microsoft, alles das.

Jetzt ganz plötzlich neue Töne. In einem Interview mit der spanischen Tageszeitung „El País“ antwortet Elop auf die Frage, ob nicht 2014 auch ein Android-Modell anstehen könnte: „Wir denken darüber nach, was als nächstes kommt. […] Alles ist möglich.“ (Eine englische Übersetzung der Stelle gibts hier bei Gizmodo.)

Bedeutet das die Abkehr von Windows Phone und die de facto Ankündigung eines Android-Modells für 2014? Auf gar keinen Fall. Der NoWin-Vertrag mit Microsoft läuft bis 2016, so lange muß Nokia OEM-Hersteller für Microsoft spielen. Auch liest sich die ganze Passage für mich nicht nach einer konkreten Ankündigung eines Android-Modells. „Alles ist möglich“ heißt eben genau das: Alles ist möglich, Android, Windows Phone, Super-Asha, Firefox OS, …

Nein, dieses Interview gibt noch keinen Hinweis auf eine neue Android-Strategie, die andere Blogs hinein zu interpretieren versuchen. Was für mich aber entscheidend und auffällig ist: Zum ersten Mal spricht Elop nicht von Windows Phone als der einzigen Wahl für Nokia, als dem besten und allein selig machenden Betriebssystem, dem allein die Firma ihre gesamte Zukunft und Seele verschreiben muß. Nach vollen zwei Jahren, in denen Elop immer genau das gesagt hat, wie ein sturer alter Mann, trotz aller Warnungen, trotz der negativen Marktreaktionen, ist dieses unbestimmt-hilflose „Alles ist möglich“ aber dann doch ein Richtungswechsel. Fast hat man den Eindruck, Windows Phone hätte die Erwartungen nicht erfüllt …

Nokias Erben: Jolla? Ubuntu? Firefox? Tizen?

Ende 2011 hat Nokia mit dem N9 das letzte Smartphone herausgebracht, das noch mit freier Software lief und vom Betriebssystem her einem Desktop-Computer glich. Seither gibt es nur mehr mehr oder weniger geschlossene Systeme mit mehr oder weniger kastrierten Mini-Betriebssystemen. Android dominiert den Markt mit 75% (!), iOS liegt weit abgeschlagen bei rund 14%. Symbian, Blackberry und Windows Phone haben mit jeweils 2%-4% die Wahrnehmungsschwelle unterschritten. (Siehe Google hängt Apple bei Smartphones ab)

Schlechte Zeiten also für freie Software am Smartphone? Schlechte Zeiten für den Traum von einem Computer in der Hosentasche, wie z.B. das legendäre Nokia N900 einer war? Lange Zeit sah es danach aus. Jetzt aber stehen - doch einigermaßen überraschend - gleich vier Systeme in den Startlöchern, die die Lücke schließen könnten: Firefox OS, Jollas Sailfish, Ubuntu for Phones und Tizen. Dazwischen steh ich, eher hilflos, und weiß im Moment nicht so recht, auf welches Pferd ich setzen soll. Also versuche ich mal, die Fakten zusammenzutragen und ein bißchen zu analysieren.

tl;dr

So wie’s aussieht teilen sich die Systeme in zwei Gruppen: Sailfish und Ubuntu for Phones entsprechen am ehesten noch dem von mir favorisierten Ideal des Smartphones als vollwertiger Mini-Computer. Firefox OS und Tizen sind zu sehr auf HTML-WebApps beschränkt. Bei Tizen ist das eine künstliche und vielleicht nur vorübergehende Einschränkung, bei Firefox OS unveränderlicher Teil des Konzepts.

Sailfish und Ubuntu for Phones haben nach den vorliegenden ersten Infos so viel gemeinsam, daß wahrscheinlich sogar die Software gegenseitig kompatibel sein wird. Der Unterschied aus meiner Sicht ist ein emotionaler und hat mit Vertrauen zu tun: Ubuntu-Hersteller Canonical hat in der Vergangenheit bewiesen, daß man es mit der Freiheit des Konsumenten nicht immer ganz so ernst nimmt. Die Firma hinter Sailfish, Jolla, ist diesbezüglich ein unbeschriebenes Blatt, bringt aber in ersten Präsentationen ihre Begeisterung für offene Systeme deutlich glaubwürdiger rüber als Mark Shuttleworth.

Heißt unterm Strich: Ich freu mich auf Jolla, geb’ Ubuntu eine faire Chance und behandle Tizen und Firefox OS zunächst mal mit vorsichtiger Zurückhaltung.

Tizen

Tizen wurde Ende September 2011 als unmittelbarer Nachfolger von MeeGo präsentiert, nachdem Nokia sich aus dem Projekt zurückgezogen hatte. Intel hatte in Samsung einen neuen Partner aus der Mobilbranche gefunden. Obwohl ein SDK und ein Entwicklergerät vorgestellt wurden, blieb es so ruhig um das System, daß ihm kaum noch jemand eine Zukunft gab. Presseberichten zufolge bringt Samsung aber 2013 doch Geräte mit Tizen auf den Markt. Sogar HTC, Asus und Acer sollen jetzt an Tizen-Hardware basteln. Gefällt mir das?

Tizen baut in weiten Teilen auf Komponenten auf, die aus der GNU/Linux Desktop-Welt bekannt sind. Der Überblick über die auf Tizen.org gepflegten Projekte listet viele alte Bekannte auf: Alsa, DBus, udev, GStreamer, CUPS, Busybox, … auch wenn nicht alles davon auf einem Telefon landen wird, Tizen ist ein Desktop-System. (Im Gegensatz z.B. zu Android, das zu oft eigene Wege geht.)

Alles in Ordnung also? Nicht wirklich. Nach den bisher vorliegenden Informationen sollen Applikationen für Tizen-Smartphones als HTML-WebApps programmiert werden. In der Dokumentation für Entwickler fehlt jeder Hinweis auf native Programme. Ursprünglich war angekündigt, daß Entwickler zumindest mit der Enlightenment Foundation Library (EFL) native Programme für Tizen-Handys schreiben können. Technisch funktioniert das zwar mit einigen Tricks, dokumentiert oder offiziell unterstützt ist dieser Weg aber (derzeit?) nicht. Zwar sind in HTML geschriebene Programme heute deutlich leistungsfähiger als 2007, als Steve Jobs mit dieser Idee am iPhone scheiterte. Trotzdem: Es fehlt an standardisierten Schnittstellen zum Betriebssystem, zur Hardware. Sowohl das W3C als auch Tizen (und Mozilla, siehe weiter unten) arbeiten an der Lösung dieses Problems. Noch liegt das Ziel aber in einiger Ferne. Ich persönlich zweifle auch daran, daß eine in HTML zusammengescriptete Anwendung eine effiziente Methode ist, die begrenzten Ressourcen eines Mobiltelefons zu nutzen.

Was mich persönlich aber am meisten irritiert ist die Arbeitsweise von Tizen. Man riecht förmlich die Konzerninteressen der Riesen Intel, Samsung und der neu ins Spiel kommenden Carrier. Entwickelt wird ohne große Community-Beteiligung, hin und wieder präsentiert man neuen Code … das erinnert stark an Google und Android. Ich mag es auch dort nicht.

Sailfish (Jolla)

Jolla hat sein Sailfish OS erst anhand einiger Videos vorgestellt. Man weiß darüber noch weniger als über Tizen. Fest steht: Jolla basiert auf Mer, das ebenfalls eine Fortführung von Maemo/MeeGo ist. Im Gegensatz zu Tizen wird Mer aber offen von einer interessierten Community entwickelt. (Eine Liste der gepflegten Pakete gibts hier. Sie ist doch etwas kürzer als die von Tizen.) Auch für Sailfish gilt also: Es handelt sich um ein Desktop-ähnliches Betriebssystem.

Der größte Unterschied zu Tizen ist: Sailfish kann mit HTML-WebApps umgehen, ist aber nicht darauf beschränkt. Die Entwickler werden dazu angehalten, in erster Linie nativen Code unter Verwendung von Qt/QML zu schreiben. Das öffnet die Tür in die Welt der bereits existierenden Programme für Maemo, Symbian und MeeGo. Auch die wurden bzw. werden mit Qt/QML geschrieben und sind daher mit wenig Aufwand auf Sailfish zu portieren. Apropos Kompatibilität: Sailfish kann mithilfe eines Emulators auch einen Großteil existierender Android-Programme nutzen. Klingt praktisch.

Wo Tizen zur Gänze auf eigene Entwicklung (oft hinter verschlossenen Türen) setzt, bedient sich Sailfish der offenen Mer-Plattform. Das macht die Sache einerseits billiger für Jolla, andererseits sympathischer für mich. Mer wird nicht von den Interessen der Börse beherrscht. Dort wird entwickelt, was gut ist, nicht was ein „Ökosystem“ stärkt. So soll freie Software sein.

Firefox OS

Obwohl Firefox OS ebenfalls bereits 2011 präsentiert wurde, ist es für mich das am wenigsten verständliche der vier Betriebssysteme. Fest steht: Ziel des Projekts ist ein Mini-Betriebssystem, das gerade ausreicht, um den hinter Firefox stehenden Gecko-Code auszuführen. Innerhalb dieser (de-facto) Browserumgebung laufen dann das User Interface und die Programme, letztere natürlich ausschließlich als HTML-WebApps, wie bei Tizen.

Nicht nachvollziehbar ist für mich im Moment, was „unterhalb“ der Browser-Engine noch alles dazugehört. Ein Linux Kernel, die libusb, Bluez … offenbar gerade genug, um die Hardware anzusteuern. Eine komplette Paketliste so wie für Tizen oder Mer habe ich nicht gefunden. Jedenfalls scheint das Ziel des Projekts nicht so ganz mit meinen Erwartungen an ein Smartphone-Betriebssystem kompatibel. Firefox OS will (so wie Googles Chrome OS) zeigen, was mit moderner Web-Technologie alles machbar ist und daß man praktisch ein gesamtes Betriebssystem darauf aufbauen kann. Ich hingegen will ein klassisches, möglichst ressourceneffizientes Betriebssystem, auf dem die gleichen Komponenten und Programme laufen, die ich vom Laptop und vom Desktop-PC her kenne.

Ubuntu for Phones

Ubuntu for Phones ist der doch etwas überraschende neue Teilnehmer in diesem Spiel. Jeder wußte, daß Mark Shuttleworth sein Desktop-System auch auf andere Geräte, darunter Smartphones, portieren will. Daß Ubuntu for Phones aber schon jetzt präsentiert wurde, kam doch eher unerwartet.

Harte Fakten gibt es noch wenige. Alle vermuten, daß es sich um eine nur im User Interface angepaßte Variante des Desktop-Betriebssystems handelt. Das wäre wirtschaftlich vernünftig, sonst müßte Canonical zwei getrennte Betriebssysteme pflegen. Außerdem wärs ganz in meinem Sinn: das Desktop-OS in der Hosentasche.

Den Entwicklern präsentiert sich Ubuntu ähnlich wie Sailfish: HTML-WebApps (die übrigens heute schon am Ubuntu Desktop unterstützt werden) sollen ebenso laufen wie native Programme in Qt/QML. (Letzteres ist bemerkenswert, kommt Ubuntu doch eher aus der GTK-Ecke.)

Keine Beschwerden von mir also über Ubuntu for Phones? Ich bin mir noch nicht sicher. Mark Shuttleworth findet immer Mittel und Wege, mich zu vergraulen. Zuletzt hat er das mit der Cloud-Lösung Ubuntu One geschafft, die unterm Strich genauso geschlossen ist wie die entsprechenden Services von Microsoft oder Google. Ein ganz wesentlicher Punkt bei Ubuntu for Phones wird genau diese Cloud-Integration, aber auch die Möglichkeit, das Handy mit dem Desktop zu verheiraten. Es muß sich erst zeigen, ob die Lösungen dabei wirklich offen sind oder ob, wie bei Canonical leider üblich, wieder alle etablierten Standards zugunsten proprietärer Protokolle ignoriert werden. Ich brauch keine freie Software, wenn der Hersteller mir die freie Benutzung verweigert. Mal sehen also, was da so alles wird.

Weitere Faktoren

Ich hab in den Abschnitten oben jeweils die Fakten über die „Desktop-Ähnlichkeit“ und über die offiziell unterstützten Entwicklungs-Frameworks zusammengefaßt. Andere Faktoren sind mir ebenfalls wichtig. Dazu hab ich aber zu wenig Daten. Ich würde mich freuen, wenn mir jemand im Lauf der kommenden Monate Quellen dazu im Netz nennen könnte:

  • Freiheit: Welche Lizenzen finden Verwendung? Wie groß ist der Anteil des Systems, der unter einer freien Lizenz, vielleicht sogar einer Copyleft-Lizenz steht? Zumindest im „Unterbau“ sehe ich hier wenig Unterschiede. Es sind kaum Eigenentwicklungen dabei (bei Ubuntu ist das noch nicht 100%ig belegt, aber wahrscheinlich), die verwendeten Komponenten sind zumindest frei genug, daß ich sie ohne moralische Probleme am Desktop einsetze. Spannend wird natürlich die Lizenzierung des User Interface, vor allem bei Jolla, Tizen und Ubuntu. Darüber weiß ich aber noch nichts.
  • Programmiersprachen: Neben den vom Hersteller offiziell unterstützten Programmiersprachen ist es oft möglich, weitere zu nutzen (Java, Python, C#, …). Ob das geht und wie benutzerfreundlich die Installation eines in einer solchen Sprache geschriebenen Programms für den Konsumenten abläuft, ist mir noch für keines der Systeme klar. (Thomas Perl gibt hier in seiner Mobile Matrix zumindest für Tizen an: Nichts geht mehr. Nur HTML.)
  • Offener Zugriff: Wie viel Kontrolle habe ich über das Gerät? Ist es möglich oder sogar vorgesehen, vollen Root-Zugriff zu erlangen? Schirmen „Sicherheitsmaßnahmen“ wie Aegis am N9 bestimmte Systemfunktionen ab? Auch hier habe ich für kein System eine Antwort.
  • Offene Standards: Unterstützt das System von sich aus verschiedene offene Standards (z.B. für PIM-Synchronisation, Daten-Backup, Chat, VoIP)? Oder zwingt es den Konsumenten zur Nutzung eines bestimmten Services, wie Android oder Windows Phone das tun? Diese Frage wird vor allem bei Ubuntu spannend.
  • Freie Software-Installation: Läßt das Betriebssystem die Installation jeder Software aus jeder Quelle zu? Oder ist es künstlich beschränkt auf einen kontrollierten Store?

Vor allem die Sache mit den offenen Standards wird bei der praktischen Benutzung eine große Rolle spielen. Aus Erfahrung weiß ich: Sobald ein Hersteller hier patzt, ist die Benutzung selbst banaler Grundfunktionen nicht mehr möglich.